Amok und Terror

Es ist schon mehr als makaber. Da werden neue Gesetze zur Bekämpfung des Terrorismus verabschiedet, da wird die Einschränkung der Privatsphäre mit sicherheitspolitischen Argumenten vorangetrieben, da schwadronieren Politiker und Medien nicht nur rechter Couleur über ein sogenanntes steigendes Gewaltpotential bei Immigranten, beschwören eine Gefahr “von außen” durch den radikalen Islam und was passiert? In einem friedlichen süddeutschen Kaff besorgt sich ein 17jähriger eine Knarre von seinem Alten – (ob er ihn wohl so genannt hat?) – und bringt 16 Menschen um. Mir nichts, dir nichts …

Wenn das kein Terror ist, was dann?

Religiös motiviert oder nicht: es scheint ein verbindendes Element zu geben zwischen dem Amoklauf eines Einzelnen und akribisch vorbereiteten Gewaltakten, wie sie zuletzt in der indischen Stadt Mumbai vorgekommen sind. Columbine, 09/11, Erfurt und Selbstmordanschläge in Israel oder im Irak sind durch ein dünnes, aber starkes Band verlinkt.

Wer den eigenen Tod als Konsequenz seiner Handlungen in Kauf nimmt, setzt sich über die letzte mögliche Grenze hinweg: den eigenen Selbsterhaltungstrieb. Und mit deren Überschreitung werden alle Bestimmungen, Gesetze, Gebräuche, Rituale und Vorschriften unbedeutsam, also all das, was sonst – trotz seiner “Unsichtbarkeit” – unser soziales Verhalten bestimmt oder wenigstens beeinflusst.

Auf den ersten Blick hat jeder Psycho- oder Soziopath seine “Gründe”. Als Mitglied einer Gruppe von Gleichgesinnten oder als Einzelgänger. Er mag vorgeben, sich für Allah zu opfern oder sein Volk von welcher Unterdrückung auch immer befreien zu wollen, er mag vom Paradies träumen oder einfach nur von Rache. Zynisch betrachtet hat religiös motivierter, also von Gruppen organisierter Terrorismus da schon seine Vorteile: man ist nicht “so allein”, sondern kann gemeinsame Wahnvorstellungen teilen und sich gegenseitig darin bestärken. Gruppendynamik vom Feinsten. Dass bei Einzeltätern die Motive schon mal nicht ganz klar auf der Hand liegen, ist nachvollziehbar. Aber selbst bei Einzelgängern lässt sich vermuten, dass – abgesehen von “sozialen Umständen” und damit verbundenen Rachephantasien – auch hier religiöse Motive in ihrer wie auch immer perversen Ausprägung nicht selten eine gewisse Rolle spielen. Man braucht nur auf unzählige “Vorfälle” in Gods Own Country zu verweisen, um eine Ahnung davon zu haben, was gemeint sein könnte. Da dürfte der eine oder andere schwer Gestörte schon davon überzeugt gewesen sein, im Auftrag des Allmächtigen zu handeln. Ob das bei dem Irren aus Winnenden auch eine Rolle gespielt haben könnte? Gute Frage!

Obwohl es also viele Gründe gibt, wird die “letzte Grenze” aber von allen in der gleichen Weise überschritten. Wäre die Vermutung zu abwegig, dass die Überschreitung an sich der eigentliche, wirkliche Grund sein könnte? Der letzte, weil tödliche, endgültige Kick? So was wie “praktizierter Nihilismus”? Die Phantasie, für ein paar Augenblicke Gott spielen zu können?

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