Nachruf auf den schwulen Lord

clodovillord2

Wer noch vor wenigen Jahren gelangweilt im nachmittäglichen Unterhaltungsangebot des brasilianischen Fernsehens herumzappte, kam an ihm nicht vorbei. Weniger deshalb, weil einen seine Sendung Mulher (“Frau”) vom Hocker gehauen hätte. Er selbst sass auch nicht auf einem solchen, sondern in einem bequemen Ledersessel hinter einem gläserenen Tisch. Der goldfarbene, barocke Rahmen hinter ihm rundete das Bild ab. Eigentlicher Höhepunkt der Sendung war, wenn er – untermalt von sentimentaler Musik – Lebensweisheiten von sich gab. Die Vermutung liegt mehr als nahe, dass es sich bei seinem Publikum in erster Linie um weibliche Zuschauer mittleren oder gehobenen Alters gehandelt haben dürfte.

Clodovil Hernandes kam am 17. Juni 1937 in einem Städtchen namens Elisiário im brasilianischen Bundesstaat São Paulo zur Welt. Seine leiblichen Eltern hat er allerdings nie gekannt.. Er wuchs als Adoptivsohn spanischer Immigranten auf, besuchte eine katholische Schule und wollte zunächst Lehrer werden.

Es kam aber anders. In den 60er Jahren wurde er als Modedesigner bekannt. Später folgte dann eine Karriere als Entertainer und Fernsehmoderator. Und er machte nie einen Hehl daraus, dass er homosexuell war. Anders gesagt: es ging ihm am Arsch vorbei. Das macht ihn zwar nicht gerade in allen Kreisen hoffähig, aber damit hätte selbst die derart von Vorurteilen und Machismo geschwängerte brasiliansiche Gesellschaft in den Zeiten der Diktatur (und der Zeit danach) klar kommen können. Homosexualität kann ja schliesslich auch einen gewissen Unterhaltungswert haben. Man ist amüsiert. Bis heute. Das macht es übrigens im “Fall Clodovil” auch so schwierig, im Internet Informationen aus verlässlicher Quelle zu finden. Das meiste davon ist eine Mischung aus oberflächlichem Klatsch und geschmacklosem virtuellen Getöse. Videos über Ausschnitte von “spektakulären” Interviews in den Medien finden sich zu Genüge. Tiefgründigere Kommentare dagegen kaum.

Womit seine zumeist prominenten Landsleute dann aber nicht so gut klar kamen, war sein loses Mundwerk. So einige Stars und Sternchen bekamen ihr Fett ab. Den Vorwurf, arrogant, beleidigend und unerträglich zu sein, wies er von sich:

“Ich sage nur die Wahrheit.”

Auch das weibliche Geschlecht kam dabei nicht ungeschoren davon:

“Ich liebe die Frauen. Aber viele Frauen von heute sind ordinär, haben keinen Stil und den Bezug zu ihrer Würde verloren. Frauen, die im Liegen arbeiten und im Stehen abschalten..”

So hat er der Nachwelt denn auch einen Fundus an amüsanten, polemisierenden und vulgären Zitaten hinterlassen. Und die im Netz zu finden, ist nun wirklich kein Problem.

clodovil-02Seine letzte Karriere war eine politische. 2006 wurde er als Abgeordneter für den Bundesstaat São Paulo in den brasilianischen Kongress gewählt. Die durchaus berechtigte Erwartung, er würde sein Mandat nur zur persönlchen Selbstdarstellung missbrauchen, bestätigte sich allerdings nicht. Er engagierte sich ernsthaft in der Familienpolitik. Mit seiner Bemerkung, im Parlament ginge es lauter zu als auf dem Wochenmarkt, sorgte er für einen kleinen Eklat. Vielleicht ein Indiz dafür, dass er seinen Job ernst nahm. Immerhin: einen Tag nach seinem Tod stimmte der brasilianische Senat der Vorlage für eine Gesetzesänderung zu, die er eingebracht hatte.

In seiner Funktion als Politiker eckte er übrigens auch bei Vertretern der Homosexuellen-Bewegung an. Er war gegen die Homo-Ehe. Und:

“Ich bin überhaupt nicht stolz darauf, schwul zu sein. Ich bin stolz darauf, der zu sein, der ich bin. Anstatt für den Travestiten auf der Strasse habe ich mich für Leonardo da Vinci entschieden. Ich kann Männer nicht verstehen, die sich als Frauen verkleiden, hübsch sein wollen, die Schönheit und Gott suchen und sich dabei prostituieren. Jetzt, wo wir unsere sogenannte Freiheit ausleben können und uns keiner mehr den Mund verbietet, verwandelt sie sich in Masslosigkeit. Ich würde mich nie auf einer Gay-Parade blicken lassen.”

http://congressoemfoco.ig.com.br/DetEspeciais.aspx?id=26883

Er starb am 17. März 2009 in Brasilia an den Folgen einer Hirnblutung.

Schreibe einen Kommentar

Faça o login usando um destes métodos para comentar:

Logotipo do WordPress.com

Você está comentando utilizando sua conta WordPress.com. Sair / Alterar )

Imagem do Twitter

Você está comentando utilizando sua conta Twitter. Sair / Alterar )

Foto do Facebook

Você está comentando utilizando sua conta Facebook. Sair / Alterar )

Foto do Google+

Você está comentando utilizando sua conta Google+. Sair / Alterar )

Conectando a %s