Martins Fontes

Nachmittags gegen 15 Uhr, an einem strahlend-frisch-luftigen Samstag den Hügel hochgefahren. Mein Ziel, die Martins Fontes an der Avenida Paulista, ist eine Buchhandlung. Sie liegt quasi an der Ecke mit der Avenida Brigadeiro Luiz Antônio. Rein in den Bus, Gelobt sei dieses Beförderungsmittel. wenn die Strassen nicht von Autos verstopft sind. 15 Minuten Weg, an besagter Ecke aussteigen, schon bin ich da. So oft dran vorbei gelaufen, die letzten Monate.

Dabei ist der Laden wirklich gut.

Eher bescheiden im Vergleich zur allmächtigen Livraria Cultura. In der kann man sich schon mal verlaufen. Der grosse Bruder liegt an der gleichen Avenida, frisch erweitert, in futuristisch-elegantem Stil renoviert. Jede Menge Rampen, Ebenen, schicke Beleuchtung, ein nicht gerade billiges Café und ein weitläufig verstreutes Häufchen Angestellte, die sich immer dann umdrehen und weglaufen, wenn man sie anguckt. Da steht man dann, vor imposanten Regalen, und findet nicht nur nicht das, was man sucht sondern läuft auch Gefahr, sich unter dem Impact des architektonischen Events doch glatt selbst zu verlieren. “Was wollt ich doch gleich?” Mein Vorschlag: die Herrschaften der Livraria Cultura sollten ihren Besuchern am Eingang ein geschäftseigenes kleines Gerät in die Hand drücken, um die Orientierung zu erleichtern. Von mir aus gegen Pfand. BPS. Bookstore Positioning System. Das wär’s.

Nicht so die Martins Fontes. Sie ist eine Buchhandlung. Mit Allem, was “dazugehört”. Also nicht so ein Krampf wie Montanus oder Thalia – um das Ganze mal auf deutsche Verhältnisse zu übertragen.

Auf der Suche nach Lehrbüchern fiel er mir sofort auf. Im ersten Stock. Leicht gerötetes Gesicht, weisser Vollbart, im Gespräch mit einer sympathischen Frau gehobenen Alters. Unsere Blicke kreuzen sich. Streng, aber klar sieht er mich an. Ich sehe zurück. Oder war es umgekehrt? Chemie des Augenblicks. Neugierde, Abstand, Interesse, Ruhe. Ich fühle mich eh wohl. Muss am Wetter liegen. An der kühlen Luft und dem blauen Himmel. Ausserdem ist Samstag. Mein Lieblingstag. Arbeit und Freizeit in bester Symbiose.

Ich stöbere also im Regal, plaudere dabei mit einem freundlichen, hilfreichen Geist des Hauses und schlage danach an einem Tisch mein Lager auf, um das Material in Augenschein zu nehmen.

Irgendwann blicke ich auf und eine Menge Leute sitzt um mich herum, auf Stühlen und ein paar bequemen Sesseln. Ich nehme das zwar wahr, aber das Material hat mich noch fest im Griff. Meine Wahl steht fest. Freudige Erleichterung und gewecktes Interesse. Ich bin inspiriert. Und die Ruhe selbst. Ich habe alles notiert. Kaufen werde ich später. Nicht heute. Ich stehe also langsam auf, fast wie in Trance, und entsorge den Stoff auf der PC-Konsole meines freundlichen Helfers. Ich sehe mich um. Schade, dass er nicht mehr da ist. Langsam wird mir klar, dass der buchgefüllte Raum, in dem ich mich befinde, sich gerade in eine Bühne verwandelt.

Für den Mann mit dem weissen Bart.

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