Zu fromm!

Die frommen Herren wollen so oft wissen, was wir denn eigentlich gegen sie und ihre Religion, wie sie sie ausüben, vorzubringen hätten. Eines unsrer Argumente ist die trostlose Plattheit ihrer religiösen Gefühle.
[…]
Und der Grund, aus dem der Kirche täglich mehr und mehr Leute fortlaufen, was nur zu begrüßen ist, liegt eben hierin: dass viele Diener dieser Kirche nur noch viel zu reden, aber wenig zu sagen haben. Wie schlecht wird da gesprochen! Wie oberflächlich sind die scheinbaren Anknüpfungspunkte an das Moderne, darauf sind diese Männer auch noch sehr stolz. Wie billig die Tricks, mit einer kleinen, scheinbar dem Alltag entnommenen Geschichte zu beginnen, um dann … emporzusteigen? Ach nein. Es ist so etwas Verblasenes – die Sätze klappern dahin, es rollen die Bibelzitate, und in der ganzen Predigt steht eigentlich nichts drin.
[…]
Aber eine so gute Propaganda, wie sie die Kirche gegen die Kirche macht, können wir gar nicht erfinden. Und ich weiß viele, die mit mir denken: Wir sind aus der Kirche ausgetreten, weil wir es nicht länger mitansehn konnten. Wir sind zu fromm.

Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 14.07.1931, Nr. 28, S. 72.

3 Respostas para “Zu fromm!

  1. Die Überschrift alleine hätte mich kalt gelassen; der letzte Satz hat dann für mich, gottseidank, wieder etwas erwärmendes, und so wurde mir denn die Überschrift durchaus sympathisch sinnvoll.

    • Es gäbe wahrscheinlich bessere “Aufmacher”, aber nach kurzer Überlegung hielt ich das für die beste Überschrift, eben weil es auch der letzte Satz des Zitates ist. By the way: ich entdecke Tucholsky gerade neu. Ich fürchte, ich habe den Mann in früheren Jahren ziemlich unterschätzt.

      • Das war auch beileibe nicht als Kritik an der Überschrift gedacht. Ich dachte immer nur, was meint das? Und ich fand es schön wie sich mir dann schließlich der “sympathische Sinn” der Überschrift im Verlaufe des Textes erschloss, und, wie du sagst, zum Schluss nochmals so zusammengefasst wurde.

        Tucholsky hat mich immer interessiert; mal begeistert, mal konnte ich nichts damit anfangen und dann wiederentdeckt; wahrscheinlich ähnlich wie bei dir. Zuletzt las ich da: Unser ungelebtes Leben. Briefe an Mary (Rowohlt 1982).

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