Offline 1

Notiert am 05.06.2010

Auf einer kleinen überdachten Veranda an diesem angenehm kühlen, verregneten Samstag die großblättrigen subtropischen Gewächse eines Gartens zu bewundern, der ständig von urwüchsiger Mata Atlântica “bedroht” wird, und dabei einen Laptop ohne Internet-Zugang auf dem Schoß zu haben, ist eine klärende Erfahrung. Der Laptop wird zur Schreibmaschine, der Schreiber ist kein Blogger, Tweeter, Forist, Surfer, sondern ein Individuum ohne virtuelle Resonanz, ohne “Öffentlichkeit”, ohne das mögliche, aber nicht unbedingt wahrscheinliche Feedback anderer, also ohne den “Spiegel”, den er sich selbst laufend vorhält, wenn er sich einloggt.

Wäre unser Ego nicht so gestrickt, dann würde es vieles im Internet nicht geben: so viele sinnlose Posts, so viele blödsinnigen, nichtssagenden Kurz-Kommentare auf Twitter oder Facebook, oder wo auch immer. Und dieser Text ist halt auch nicht so, wie er wäre, wenn es sich um eine persönliche Tagebuch-Notiz handeln würde; er verschwindet nicht in einer Schublade: jene dubiose Öffentlichkeit, die mir in diesem zauberhaften Augenblick mangels einer nicht vorhandenen Internet-Verbindung “versagt” ist, beeinflusst genau eben das, was ich gerade schreibe. Schließlich nehme ich die “Schreibmaschine” morgen mit nach Hause, um das “hässliche analoge Entlein” wieder in einen “digitalen Schwan” verwandeln zu können. Oder so ähnlich …

Kurz: ja, ich bin eitel! Ich poste nicht nur, weil ich gerne schreibe, sondern eben auch deshalb, weil ich mir wünsche, dass andere lesen mögen, was ich hier gerade herunter tippe.

Machen wir uns nichts vor: welchen anderen Sinn könnte ein Blog haben?

10 Respostas para “Offline 1

  1. Es hört sich erschütternd erquickend-gemütlich an, was Du da von Deinem Standort berichtest. Kompliment.

    Hier, bei uns, würde so eine Veranda profaner eingesäumt sein – und schon gar nicht von geschützten Pflanzen (in dem Sinne: Bei uns kann man fröhlich abholzen und sich die Umgebungspflanzen selbst zusammenstecken).

    Ich denke ebenso, dass das Bloggen beziehungsweise jegliches regelmäßiges sich öffentlich Äußern mit Eitelkeit zu tun hat; so manches Mal auch mit verletzter Eitelkeit!?

    – Eitelkeit ist für so Vieles eine mal mehr, mal weniger adäquate Triebfeder!?

    Vielleicht ist das Bloggen als eine Form des Publizierens beziehungsweise des Kommunizierens von Meinungen, Einstellungen oder manchmal einfach auch nur von Befindlichkeitsäußerungen ein Zeichen von Wertschätzung des eigenen Selbst (Selbstwertschätzung)? Also die gesunde Form der Eitelkeit? – Ein Effekt des regelmäßigen Bloggens ist die Steigerung der Selbstaufmerksamkeit.

    • Der “Standort” liegt am Rande – oder sagen wir fast inmitten – eines Naturreservates und ist ein eher bescheidenes Häuschen, welches so langsam in die Jahre kommt. Gut, dass die brasilianische Regierung wenigstens in Bezug auf die Mata Atlântica mittlerweile eine konsequente Umweltschutzpolitik durchzieht. Die Mata Atläntica zog sich einst an der gesamten brasilianischen Küste entlang und erst in den letzten Jahren besinnt man sich auf die übrig gebliebenen unberührten Areale. Besagtes Häuschen könnte man übrigens nach aktueller Gesetzeslage nicht mehr errichten. Die Zeiten sind vorbei. Und das ist auch gut so.

      Währenddessen geht das “fröhliche Abholzen” im Norden und Mittleren Westen weiter. Es kann einem schlecht werden, wenn man darüber nachdenkt, wie viele Quadratkilometer da jede Woche abgeholzt werden oder der Brandrodung zum Opfer fallen. Es ist wie in “alten Zeiten”: die Küste ist leichter von staatlichen Behörden zu kontrollieren als die Weite des Inlands, wo nach wie vor nichts ohne die Landbesitzer läuft, die sich dort aufführen wie Feudalherren.

      Na, jetzt schweife ich wohl ein wenig ab …

      Mir ist selbst nicht so klar, inwiefern eine “gesunde Form der Eitelkeit” und “eine Steigerung der Selbstaufmerksamkeit” (hier natürlich in Bezug auf das Bloggen) etwas miteinander zu tun haben.
      Vielleicht sollte man hier mal den Begriff “gesundes Ego” ins Spiel bringen und sehen, in welcher Beziehung er zu den anderen beiden Begriffen stehen könnte.

      Sehr gut gefällt mir übrigens der letzte Satz Deines Kommentars. Kurz formuliert: Bloggen fördert die Selbstaufmerksamkeit. Danke für diesen Denkanstoss.

  2. Huch, wo ist dein “altes” Theme? Das neue sieht mir nach dem Sandbox-Theme modifiziert mit viel CSS aus?

    Folgender Zusammenhang:
    Eine gesunde Form der Steigerung der Selbstaufmerksamkeit, unter die ich das regelmäßige Bloggen allgemeinhin subsumiere, kann in vielen Fällen zu einer positiven Selbstwertschätzung führen. – Was naturgemäß gerade nicht ausschließt, dass Eitelkeit Spaß macht.

    Es wird ja vermutet, dass Brandroden, Brandschatzen beziehungsweise Abholzen und ähnliche und völlig andere Untaten gar nicht erst geschehen würden, hätten Menschen eine hohe Selbstwertschätzung.

    • Ach ja, mein altes Theme. Sagen wir, ich brauchte Tapetenwechsel. Weiss noch nicht, ob’s bei “NoteIL” bleibt. Hast übrigens Recht: es baut auf dem Sandbox-Theme auf.

      Untaten wie Brandroden sind in der Tat ein Ausdruck fehlender (positiver) Selbstwertschätzung. Selbstwert hat etwas mit “Sein” zu tun und nicht mit “Haben”. Damit fängt das ganze Unheil schon mal an.

  3. Dem kann ich mich nur anschließen; und ich sehe, mal wieder, wir verstehen uns; und Du hast Deinen Fromm auch gelesen, wie ich anhand Deiner Anmerkung vermute.

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