Liebe Weltverbesserer!

Die Welt ist nicht da, um verbessert zu werden. Auch ihr seid nicht da, um verbessert zu werden. Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein. Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei. Sei du selbst, so ist die Welt reich und schön! Sei nicht du selbst, sei Lügner und Feigling, so ist die Welt arm und scheint dir der Verbesserung bedürftig.

Gerade jetzt, in dieser wunderlichen Zeit, wird das Lied von der Weltverbesserung wieder so heftig gesungen, so heftig gebrüllt. Wie übel und trunken es doch klingt, hört ihr es nicht? Wie wenig zart, wie wenig glücklich, wie so wenig klug und weise es klingt!

Es wird von euren Feinden gesungen, in einem Chor, wo einer wider den anderen singt, einer den anderen totsingen möchte. Merkt ihr nicht: überall, wo das Lied angestimmt wird, da sind Fäuste in der Tasche geballt, da geht es um Eigennutz und um Selbstsucht – ach nicht um die Selbstsucht des Edlen, der sein Selbst zu erhöhen und zu stählen sucht, sondern um Geld und Geldbeutel, um Eitelkeiten und Einbildungen.

Höret auf die Stimme, die aus euch selbst kommt! Wenn sie schweigt, diese Stimme, so wisset, dass etwas schief steht, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass ihr auf dem falschen Wege seid.

Geklaut aus “Zarathustras Wiederkehr”, Hermann Hesse

Kurze Zitate sind besser als lange. Gerade und vor allem im Netz. Trotzdem komme ich mir in diesem Falle vor wie ein mieser Schnipsler. Das hat das Hesse-Bändchen “Eigensinn macht Spass” (Suhrkamp-Verlag) nun wirklich nicht verdient. Denke aber schon, dass das Wesentliche ganz gut herausgepickt wurde. Bis auf ein Detail, den Preis, den man für die Suche nach dem Selbst bezahlen muss. Auf die eigene Stimme zu hören, ist mit unangenehmen Risiken und Nebenwirkungen verbunden: man hat Zweifel, man ist einsam, man leidet. Selbstfindung ist ein schmerzhafter Prozess. Kein Wunder, dass man dazu neigt, ihn zu meiden wie den Zahnarzt.

Und dann ist da noch die Sprache: der Begriff der Selbstsucht ist ja heutzutage – und nicht ganz grundlos – eher negativ behaftet. Stichwort Hedonismus. Und wenn vom “Edlen” die Rede ist, der sein Selbst zu “stählen” sucht, dann mag sich Befremden breit machen. Missdeutung und Missbrauch sind nicht ausgeschlossen. Hierzu ein Deutungsvorschlag: “Edle” sind eben keine Übermenschen, sondern gerade jene, die versuchen, das zu sein was sie sind, mit all ihren Eigenarten. Und “gestählt” werden sie, wenn sie auf der Suche nach ihrer menschlichen Individualität dazu in der Lage sind, den Konsequenzen ins Gesicht zu sehen und sich daraus ergebendes Leiden auf sich zu nehmen und es zu verarbeiten.

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