Knechte, Mönche und Banditen

Der Buchhandel ist ja nicht mehr Vermittler von Literatur, sondern der verlängerte Arm der Verlage. Jurymitglieder (als Glücksverheißende) gleichen ihrem Vorbild, dem Gott Shiva, was ihre vielen verlängerten Arme angeht. Selten gilt der Preisvorschlag einer solchen Gottheit einem Autor, der nicht vorher seine Opfer gebracht hat.

Und was die Buchhandlungen angeht, sie sind von der Besatzung her in den allermeisten Fällen doch nur noch katastrophal. Der Buchpreis sagt ihnen vielleicht gerade noch was, und vielleicht noch der Büchnerpreis. Dann wird’s schon eng.

Berlin ist eine Ausnahme. Es gibt natürlich auch anderswo in Deutschland noch gute Buchhandlungen, aber man muss sie mit der Lupe suchen. Die großen Buchhandlungen aber, die Buchkaufhäuser, sind eigentlich nur noch die Endabnehmer einer Bestsellerstrategie. Dort sind die Buchverkäufer die Knechte der Bücherstapel, die Mönche der Bestenlisten und die Banditen ihrer Unbelesenheit.

Sie machen alles kaputt, was es noch durch die kalkulatorisch und kapitalistisch überhitzten Lektorate geschafft hat, obwohl sie, ähnlich wie die Verlage, sich ständig neue Ausreden einfallen lassen, dass sie mit dem Verkauf von Mist Kultur und Literatur unterstützen. Das ist völliger Unsinn.

Gerhard Falkner ist Lyriker, Dramatiker, Essayist und Übersetzer. Das ganze Interview findet man bei litaffin.

6 Respostas para “Knechte, Mönche und Banditen

  1. Waren das noch Zeiten (um 1950) als sich Verleger darüber über Jahre in den Haaren lagen: Ein Peter(!) Suhrkamp (im Zuge der weiteren Verhandlungen über letztlich zwei neue Verlage klug angeleitet von Hermann Hesse) und ein Gottfried Bermann Fischer hatten im S.Fischer-Verlag genau über obige Thematik sich über Jahre hinziehende heftige Streitereien. Suhrkamp wollte nur seine “Aristokratenkartei” (verlagsinterne Bezeichnung für die bevorzugt zu behandelnden Kunden; die “Elite der Geistigen”) mit dem entsprechenden “Stoff” versorgen. Fischer (übrigens (einer) mein(er) Nachname(n)) wollte seine im Exil gewonnene Weltgewandtheit und Weltoffenheit anwenden und seine möglichst vielköpfige Leserschar vermittels einer an Rowohlt angelehnten “progressiven” Marketingstrategie erreichen.

    Mich stören vor allem diese Kunst-Mafia-Strukturen. Feingeistige Literaten treffen auf Umsatz-Geier (wobei Feingeistige nicht immer auch Literaten werden; und Literaten nicht immer auch Feingeistige sind). Diese fortschreitende Durchdringung von Medien-Betrieb(!) und Literatur nervt mich. Irgendwelche verbeamteten Burg-Schauspieler, obwohl sie nur Fernsehdarsteller des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens sind und sein sollten, irgendwelche Nachrichtensprecher, irgendwelche Moderatoren von Talkrunden mutieren zu Schreiberlingen mit Stützrädern – und walzen qua ihrer Ubiquität alles andere nieder. Schrecklich. Erschreckend geradezu. Und dieselben verteidigen ihre Machwerke dann auch noch mit breiter Brust und einem Grinsen im Gesicht. – Ohne jegliches Schamgefühl. Ohne Rot zu werden.

    Das erinnert mich auch an irgendwelche Rapper oder Sängerinnen oder (magersüchtigen) Super-Models oder Fussballer, die dann gleich “Designer” ihrer “eigenen” Modelinie sind beziehungsweise ihren “neuen” Duft auf den Markt bringen. – Ohne Substanz.

    Obwohl: Wirken diese Hersteller der Massenware nicht auch irgendwie im Sinne eines Mäzenatentums für die wahre (nicht die Ware) Kunst?

    • Das waren wirklich noch Zeiten, als sich Verleger und Verlage um Konzepte stritten und dies sogar von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurde.

      All die Sterne und Sternchen, die, zu oft angwiesen auf Ghostwriter-Stützräder, (kleine Abwandlung Deines treffenden Ausdrucks) ihre Machwerke mittels massiver Medienpräsens auf den Markt drücken, tragen zu einer Verflachung und teilweise sogar zu einer Form der “Gleichschaltung” des Literaturbetriebs bei, wo das Buch an sich gar nicht mehr Thema ist, sondern die Person, welche es schreibt und der Rummel, welcher darum gemacht wird. Celebrity-Literature.

      “Aber wieso Gleichschaltung?” könnte man da jetzt fragen. “Es gibt doch so viele verschiedene Bücher zu so vielen unterschiedlichen Themen!” Natürlich gibt es die, von Lebenshilfe bis zu den Memoiren eines Burgschauspielers, aber Eintagsfliegen sind es trotzdem. Viel Lärm um nichts. Und falls man mal was “Anspruchsvolles” lesen möchte, dann zieht man sich halt einen Schinken von Paulo Coelho rein. Nein danke.

      Der Geist eines guten Buches richtet sich nicht nach dem Mainstream, hat es noch nie getan. Aber es ist genau das, was man heute fast ausschliesslich in den meisten Buchhandlungen findet.

      Ein Ladenhüter mag noch so gut sein: in den Augen der “Literatur-Mafia” hat er keinen Wert, da er keinen schnellen Gewinn verspricht. Von daher hat er auch nichts in den Regalen zu suchen. Punkt.

      Dabei sind es gerade zu oft jene Bücher, die ohne marktschreierisches “Hier bin ich!” in den Regalen stehen (oder zumindest standen), welche eine gute Buchhandlung auszeichnen: man kann sie auch ohne Ziel betreten, in ihr herumstöbern und sich überraschen lassen …

      Habe diesbezüglich übrigens vor kurzem einen interessanten Artikel über Buenos Aires gelesen. Dort ist diese “Buchkultur” anscheinend noch sehr gegenwärtig. Die Buchhandlung als Kaffeehaus und umgekehrt: neue Sachen und ein unschätzbarer Fundus an gebrauchten Büchern, unbekannter Stoff in verschiedenen Sprachen, Schmöker-Biotope ganz besonderer Art …

      • “Habe diesbezüglich übrigens vor kurzem einen interessanten Artikel über Buenos Aires gelesen. Dort ist diese “Buchkultur” anscheinend noch sehr gegenwärtig. Die Buchhandlung als Kaffeehaus und umgekehrt: neue Sachen und ein unschätzbarer Fundus an gebrauchten Büchern, unbekannter Stoff in verschiedenen Sprachen, Schmöker-Biotope ganz besonderer Art …” – Zu beneiden!

        Celebrity-Literature. – Köstlich!

        Insgesamt spricht für mich aus Deinem Kommentar Deine ganze Liebe zum Buch!

  2. Nei-enn. Obwohl, so ganz unlogisch ist Deine Interpretation natürlich nicht.

    “Insbesondere kann die nun verbotene Handlungsmöglichkeit der Person zuvor völlig unwichtig gewesen sein. Im Extremfall hat die Person von dieser Handlungsmöglichkeit vor dem Eintreten der Beschränkung nie Gebrauch gemacht, übt die Handlung aber seit dem Eintreten der Einschränkung aus.”

    Diese würde ich als eine relativ gut erklärende Passage nehmen, für das was ich eigentlich meinte: Trotz, mehr oder weniger.
    Coelho zu lesen war für mich, z.B., zuvor gar kein Thema; jetzt, nach oben angesprochenen Massen-Kundgebungen, lese ich ihn aber nun gerade nicht.
    Und ich lege erstens Wert darauf, diese meine “Einstellung” – die mehr oder weniger unreflektierte, da aus Reaktanz erwachsen -, lauthals zu verkünden und zu vertreten – auch wenn ich gar nicht danach gefragt wurde. Zweitens ist es wichtig und richtig für mich nun Coelho erst recht nicht zu lesen, auch wenn sich mir zuvor eigentlich noch nicht einmal die Frage gestellt hatte.

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