Zwischen allen Stühlen?

Ob ich der einzige bin, der nicht so recht weiß, was von der ganzen “Beschneidungsdebatte” zu halten ist? Das ist wohl nicht der Fall. Mir persönlich fällt ein eindeutiges “Ja” oder “Nein” dazu jedenfalls eher schwer. Ganz abgesehen davon, dass diese Diskussion “aus der Ferne betrachtet” schon ein wenig skurril wirkt: in den brasilianischen Medien ist dieses Thema nämlich nicht von “öffentlichem Interesse”. Wie dem auch sei, mir passiert immer das Gleiche, egal ob ich nun Argumente von Befürwortern oder von Gegnern dazu lese oder höre; meine Reaktion auf deren in den meisten Fällen vehement vorgetragene Statements ist nur zu oft ein “Ja, aber …”, es scheint mir, dass beide “Lager” sowohl recht als auch unrecht haben mögen.

Der Unwille, mich einem “Lager” konsequent anzuschließen und die damit verbundene “innere Zerissenheit” spiegelt sich treffend in folgen Auszügen einer Diskussion wieder, die man auf einem “Psycho-Blog” in voller Länge einsehen kann – (ganz abgesehen von einer Menge anderer Beiträge und Links). Der erste Auszug stammt von Frank Werner Pilgram, einem sogenannten “Gegner”, dem ich schon zu Anfang des zitierten Abschnitts zustimme, denn …

… jeder Kult, der in Frage gestellt werden kann, hat seine ursprüngliche, kollektive Verbindlichkeit bereits verloren und verfällt dem Anachronismus. Deshalb wird er von seinen Parteigängern um so trotziger und blutiger behauptet. Aus der Notwendigkeit, leidvolle Trennungen (wie die von der Mutter) zu symbolisieren, konstruieren sie sich die Rechtfertigung einer Überbietung durch Opfer – statt deren zivilisierende Übersetzung und Sublimierung zu befördern. Da wird Kunst schlicht mit Kult, aus dem sie zwar kommt, über den sie aber wesentlich und qualitativ durch die sukzessive Aufhebung der Opfer hinausgeht, verwechselt und kurzgeschlossen. […] Am Ende läuft es dann doch nur auf die alte, simple Identifikation mit dem Aggressor hinaus, über die viele in ihrem Leben eben nicht hinauskommen: das Trauma, das ihnen in passiver Position angetan wurde, aktiv weiterzugeben.

Insofern ist es vielleicht gar nicht schlecht, daß heute zu diesem Anlaß und in unserem Gemeinwesen „keine 10 Männer zusammenzubringen sind“, denn deren ebenso homophobe wie verdrängt homophile Bündelei ist es ja vor allem, die mit solch affirmativ aufgefaßten Abraham-Isaak-Unterwerfungen installiert werden soll. Liegt doch der progressive Sinn dieser alttestamentarischen Geschichte nicht in ihrer kultisch-initiatorischen pars pro toto Re-Inszenierung, sondern in der Opfersubstitution, die dort zugunsten einer gesetzlichen Ordnung ermöglicht wird. In den Worten prophetischer Kritik: „Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6.6) Unnötig zugefügter, zumal früher Schmerz bildet Kriegergesellschaften, keine human-erotischen Zivilisationen.

Wenn schließlich in der berechtigten Kritik der medizinisch-medialen Rationalisierung noch die Phantasie eines ‚Geburtsfilmchens’ herhalten muß, um die sadistisch ausgeübte Praxis der Beschneidung als unumgänglichen Akt der Subjekt- und Kulturbildung zu rechtfertigen, offenbart dies in der Tat einen misogynen Platonismus, der die sterbliche, verletzliche Leiblichkeit haßt und, weil dies glücklicherweise so nicht mehr ganz gesellschaftsfähig ist, ersatzweise auf den Rechtspositivismus, der sich erdreistet hat, jene zu schützen, einschlägt.

Aber, “und da haben wir den Salat”, auch die Antwort eines gewissen Karl-Josef Pazzini hat es in sich. Sie versucht, auf etwas einzugehen, dass meiner Meinung nach in der ganzen Debatte zu oft übersehen wird, nämlich die eigentlichen Ursachen für die Beschneidung und mögliche Faktoren, welche – jenseits aller religiös motivierten Begründungen – die Aufrechterhaltung dieser Praxis begünstigen könnten. Außerdem zweifelt Herr Pazzini an der Wirksamkeit rechtlicher Verbote, da …

… es nicht an sich ein Fortschritt in der Menschlichkeit ist, wenn die Beschneidung abgeschafft wäre. Nähmen wir es für ein „Symptom“, dann müssten wir doch konzedieren, dass es sich um eine kreative Lösung eines Konfliktes handelt. Was ist der Konflikt, für was ist die Beschneidung eine Lösung? Ein „Symptom“ bekommt man nicht durch Richtersprüche aus der Welt oder auch nicht durch Vulgärrationalismus.

Ein Symptom ist verflochten mit einem Kontext; das direkte Angehen eines Symptoms bringt (psychoanalytisch gedacht) in der Regel nichts. Und zu dem hier zu verhandelnden „Symptom“ gehört doch auch, dass es bei Semiten auftaucht. Gegen die einen gab es Kreuzzüge, gegen die anderen den Versuch der Vernichtung mitten in Europa. Entgleiste Grausamkeit, Gewalttätigkeit. Und gerechtfertigt wurde das z.T. mit deren Unmenschlichkeit, Minderwertigkeit, Grausamkeit.

[…]

Ich halte die Beschneidung nicht für notwendig. Für notwendig halte ich die kulturelle, gesellschaftliche Auseinandersetzung damit, was meinem Erkenntnisstand nach vermutlich durch Beschneidung symbolisiert wird.

[…]

Machen sich Muslime und Juden „festlich brutal“ über ihren Nachwuchs her? Wollten Sie das sagen? Dann würde ich sagen, dass mir dererlei „Argumente“ bekannt vorkommen.

Pro hin, Kontra her, es wäre zu wünschen, dass alle “Beteiligten” und damit vor allem auch die “offiziellen Medien” sich des Themas mehr auf solch konstruktive Art und Weise annehmen würden wie es die oben Zitierten tun.

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