Arquivo do mês: junho 2013

Ehrenhof-Drohne

Ja, so ist das, das eine wird einem peinlich und aufgearbeitet und das andere gilt als Tradition und muss wieder auferstehen aus gesprengten Ruinen. Gespenstisch mag das vor allem anderen Europäern erscheinen, denn Deutschland diktiert wieder Sparpläne und Ziele und ist reich genug, Schlösser zu bauen – wenn ich mich nicht irre, sogar den größten Schlosskomplex in Europa.

[…]

Diese neue Fassade in Berlin kaschiert nur jede Menge Beton, überzogene Kostenrahmen und vielleicht später auch den ein oder anderen Skandal BER’schen Ausmaßes. Es ist kein Feudalismus, der da mit keiner bürgerlichen Attitüde errichtet wird, es ist, mit Verlaub, eigenartig. Außer ein paar handelsüblichen Subventionsmissbräuchen werden wir nichts dahinter zu verbergen haben, was nicht ohnehin schon laufend öffentlich geschieht. Und den Mut, die einzige Euro Hawk Drohne in den Ehrenhof zu stellen, statt sie in Manching verrotten zu lassen, werden Sie vermutlich auch nicht haben, selbst wenn die noch weniger Sinn als die Fassade machte, und so als Entschuldigung herhalten könnte.

[…]

Immerhin, ein Solitär der deutschen Baugeschichte wird es zweifellos sein. Die Kunstgeschichte wird später natürlich rätseln, wie man das bezeichnen soll: Gesunkenes, niedergebombtes und auf niedrigem Niveau wiederaufgebautes Kulturgut vielleicht? Zweite Wilhelminische Epoche? Oder einfach nur die Architektur des Traumas?

Don Alphonso

P.S.:
Kleiner Nachtrag, von anderer Seite:
Die Verteufelung von Beton und Brutalismus ist die Kehrseite des Altbauhypes und der Berliner Schlossrekonstruktion: Man will zurück in die Zeit vor Hitler und vor Massendemokratie. Stuck als Vermeidungsstrategie.

“Sind Sie noch da?”

Es ist ja nun wirklich die große Frage, ob der Sinn des Lebens, das Glück dieser Erde eher in der langen und zähen Lektüre dicker Bücher, dem meditativen Moment des kontinuierlichen und bildenden Lesens oder im wilden Herumklicken, im wirren Aneinanderreihen einzelner Gedankenschnipsel aus Onlinetexten besteht, denn wie neuerdings wiederum eine Nachricht die Runde machte, wird in Deutschland, dem Lande von Stirnarbeitern wie Thomas Mann und Immanuel Kant, die ungeübten Lesern freilich zunächst sperrig und reichlich kompliziert in Satzbau und Ausdruck scheinen mögen und nach wortreichen Einschüben stets zum Wiederfinden des verlassenen Gedankenfadens auffordern, immer mehr Menschen die Diagnose der sattsam bekannten psychischen Störung “ADHS” gestellt, einer Krankheit, die es den Betroffenen kaum ermöglicht, länger als wenige Augenblicke gedanklich im gleichen Pfad sich zu bewegen, die vielmehr ein mentales Umherspringen, ein assoziatives Sperrfeuer nicht enden wollender Aufmerksamkeitsveränderung bedeutet, der Beständigkeit, ja Beharrlichkeit ganz und gar fremd ist, und die dennoch nicht gänzlich unkritisch von den hiesigen Medien beäugt wird, heißt es doch, das Problem sei teils hausgemacht, viele Diagnosen entsprächen nur einem in gewissen Altern durchaus natürlichen Bewegungs- und Kreativitätsdrang, hier sollten gleich einer Baumschule unerwünschte Auswüchse zurechtgestutzt werden, um den Anforderungen einer Gesellschaft Rechnung zu tragen, die – hallo? Sind Sie noch da? Wofür schreibe ich das eigentlich, Sie nichtsnutzige Internetblutsauger! Da will man einmal anspruchsvollen Internetjournalismus bieten und schon treibt sich die Userschar wieder in den üblichen Netzwerken herum. Ja, ja, machen Sie nur, Sie werden ja sehen, was Sie davon haben! Sie Nulpe! Ach, Sie sind noch hier? Na dann: grüß Göttchen.

Titanic Newsticker (31.01.2013), frisch geschnipselt und geklebt.