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Hallo Sie!

Der große Vorteil der deutschen Sprache ist das Siezen. Sie wissen gar nicht, wie gut Sie es haben. Geben Sie das nicht auf. Lassen Sie sich das nicht nehmen. Es zeugt von Respekt. Distanz. Zurückhaltung. Eleganz. Understatement. Und das Beste ist: Sie können viel eleganter Nein sagen, als wenn jemand über die aufgesetzte angelsächsische Kumpelschiene kommt.

Da motzt zwar einer nur über sich “heranwanzende Vorgesetzte”, aber …

Und mit Vous, Lei und Usted scheint´s nicht viel anders zu sein; das sehen so manche Franzosen, Italiener und Spanier wohl ähnlich …

Falls es jemanden interessieren sollte …

… was gerade wirklich in Brasilien abläuft, dem sei der unten verlinkte Artikel empfohlen. Eine ganz gute Zusammenfassung, die auf die Hintergründe der aktuellen politischen Krise und damit auch auf das gerade angelaufene Verfahren zur Amtsenthebung der Präsidentin eingeht. Lohnenswerte Lektüre.

Zum Artikel

Apropos Rio

In Rio gibt es viele historische Stätten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die verwahrlost und nicht gerade einfach auszumachen sind; also solche, die an eine Zeit erinnern, in der aus der einstigen Kolonie Portugals ein unabhängiger Staat wurde. Auf den damals größten Handelsposten des amerikanischen Kontinents für afrikanische Sklaven weist allerdings überhaupt nichts mehr hin. Der Mercado do Valongo verschwand genauso aus dem Stadbild wie von der Karte, ohne Spuren zu hinterlassen. Als ob er nie existiert hätte, wird er nicht nur auf Stadtführern konsequent ignoriert. Und die Rua do Valongo, in der er stand, gibt es heute auch nicht mehr. Sie wurde in Rua do Camerino umbenannt.

Scheint so, als ob die Stadt dieses Warenhaus für Sklaven ein für alle Male vergessen und mit dem Verschwinden dieses Schandflecks auch ein Stück brasilianischer Geschichte vom Erdboden vertilgen wollte.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ganz in der Nähe steht heute übrigens das Sambódromo. Und das kennt jeder. So wie die Olympiade. Dauert ja nicht mehr lang …

Denkt er sich

Eigentlich könnt’ ich mir ja was anderes reinzieh’n.

Denkt er sich, während er in den Laden läuft, in der Schlange steht, sein Futter holt und sich hin pflanzt.

OK, is’ halt praktisch. Solang’ ich nich’ jeden Tag … Hör bloß auf. Und der da vorn? Guck dir den doch an. Was der auf’m Tablett hat. So wie der frisst. Du fette Sau. Nee, so bin ich nich’ drauf. Ich spar’ nur Zeit und weiß, was ich hier krieg’. Immer. Überall. Egal, wo ich bin. Is’ doch geil.

Denkt er sich, verputzt den Stoff, rülpst verhalten, lässt den Restmüll liegen und hechtet hinaus. Ein Furz droht an, sich quer zu setzen.

OK, mal seh’n.
Zieh’ mir morgen was anderes rein.

Denkt er sich.
Nicht wirklich.

Genug Geld haben

Haben Sie schon einmal einen Drogensüchtigen gesehen, dem der Stoff ausgegangen ist? Er bewegt Himmel und Hölle, er würde 20 Meilen zu Fuß gehen oder einer Großmutter ihr Gespartes abnehmen, um schnellst möglich an den nächsten Schuss zu kommen. Die Wall Street funktioniert genauso. Die Monate vor der Auszahlung der Boni haben viel gemein mit der Nachbarschaft im Film ‘The Wire’, als den Leuten das Heroin ausgegangen ist und sie einen neuen Schuss brauchen.

Wer das sagt, ist kein verwirrter Soziologe und schon gar kein böser Kommunist, sondern jemand, der es als Hedge-Fonds-Trader zu einem ansehnlichen Vermögen “brachte”. Was natürlich seinen Preis hatte: Zunächst hielt er sich mit Alkohol unter Strom, dann stieg er auf andere “leistungsfördernde Substanzen” um. Als auch das nicht mehr zu Genüge knallte, half nur noch der ultimative Fix:

Die Kohle an sich.

Bis er die Schnauze voll hatte und nüchtern wurde:

The first year was really hard. I went through what I can only describe as withdrawal — waking up at nights panicked about running out of money, scouring the headlines to see which of my old co-workers had gotten promoted.

“Der hat gut reden”, höre ich jetzt einige von Euch murmeln. “Geld hat er wohl trotzdem noch genug”. Keine Frage, aber wenn es nur darum ginge, hätte ich mir dieses Post auch sparen können.

Genug Geld zu haben ist halt etwas anderes als immer mehr davon haben zu wollen, vor allem dann, wenn man schon genug davon hat.

In Memoriam

CC BY-SA 2.0 DE Hans Weingartz

CC BY-SA 2.0 DE Hans Weingartz

Wenn man als junger Mensch aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man als alter Sack halt aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.

Harry Rowohlt, 27.03.1945 – 15.06.2015

Virtueller Spickzettel

Durch mich fließt ein nicht abreißender Info-, Anreißer- und Teaser-Strom, der mein früheres Halbwissen durch ein Fake-Wissen ersetzt hat: Überall rede ich mit, denn das Internet, insbesondere der Social-Media-Feed, ist ein fortlaufender, sich ständig selbst aktualisierender Spickzettel.

Hauptsache, man gibt seinen Senf dazu. Selbst zu Dingen, die man nicht kennt…

Über den Zweck der Kleidung

Also, jetzt mal ganz von vorn:

Eine Kleidung ist schon immer das gewesen, was sie auch heute noch ist. Sie schützt nicht nur, sie ist Kultur, sie signalisiert die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und sie ist – natürlich – darüber hinaus auch eine Form des Zur-Schau-Stellens persönlicher oder kollektiver Eitelkeiten.

So weit, so gut.

Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass ihre Zweckentfremdung im Kontext der Globalisierung neue Auswüchse angenommen hat und dass deren negative Folgen nicht von der Hand zu weisen sind.

Zum Trost sei angemerkt, dass selbst in Zeiten mulitinationaler Logos niemand vor Überraschungen gefeit ist und es nach wie vor auch Formen positiver Zweckentfremdung geben kann. So zum Beispiel dann, wenn Hipster und Muslime die Klamotten tauschen:

hipstermuslims

Da wird was knapp …

… aber das mag Euch wenig jucken. Euch dort in Europa. – Uns aber schon.

Und selbst hiesige Dumpfbacken werden dann ihren Kopf in Kürze nicht mehr in den Sand stecken können. Geschweige denn unter die Dusche.

Und das juckt dann umso mehr.

Sprach-Welt

Sprache ist einerseits beherrschende Konvention, andererseits unser eigenster Besitz. Sie ist das Produkt kollektiver Geschichte, und dennoch trägt jeder seine eigene Vorstellung zu jedem Wort, jeder sein eigenes, in persönlicher Geschichte verankertes Verhältnis zu den Namen der Dinge in sich, auch wenn die Eigenart dieses Verhältnisses nur sehr selten artikuliert wird und unter der verhärteten Schicht der Verständigungsfunktion in unterschiedlich tiefem Schlummer liegt. Jede Begegnung mit Fremdsprache ist eine Herausforderung dieser Sprach-Welt, der persönlichen wie der kollektiven, wobei allerdings letztere durch die schlichte Notwendigkeit eines Konsenses weniger betroffen ist.

Esther Kinsky