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Lula von oben

Freitag ging’s los. Am Nachmittag. Glotze an, gegen halb fünf. Luftaufnahmen vom Sitz der Metallgewerkschaft in São Bernardo do Campo. Das Gebäude von oben. Lula da drin. Punkt. Ein mehrstöckiger Bau, Filmaufnahmen aus einem kreisenden Hubschrauber. Ich wechsle von GloboNews zu BandNews. Das gleiche Bild, oder so ähnlich. Ob da mehr als einer in der Luft ist? Egal. Die unteren Infobalken auf beiden Kanälen sind austauschbar. (Mehr Kanäle mute ich mir nicht zu und es ist auch nicht notwendig). “Moros [des Richters] Ultimatum läuft um 17 Uhr aus.” Etc. … Die Zeit vergeht. Sehe hin, stehe auf, beschäftige mich mit anderen Dingen, komme wieder, sehe hin und dann wieder weg. “Noch 5 Minuten”. Dann die Infobalken, zusammen gefasst: “Ultimatum abgelaufen”. Schockschwerenot! Text in Rot.

Ich lasse es sein und mache die Glotze aus. Stunden später noch mal kurz an: Lula heute nicht. Es wird verhandelt. Und die Bundespolizei nimmt’s locker; nur nichts provozieren, das findet sich schon. Zu viele Leute vor dem Gebäude, bis in die Nacht. Nur keinen Stress, nur keine bösen Filme von Polizisten, die sich den Weg durch die Menge bahnen, um dem Mann Handschellen anzulegen. Ein Statement von Lula macht die Runde: “Ich stehe zur Verfügung”. Muss kurz grinsen, weiß selbst nicht genau weshalb. Vielleicht, weil er ein Dickkopf ist und mit Überraschungen zu rechnen sein könnte. Schön wär’s. Glotze aus für heute.

Bereue es fast, am nächsten Morgen beim Frühstück das Radio eingeschaltet zu haben. Der Kommentar des Moderators kreist ähnlich wie ein Hubschrauber in einiger Höhe über dem, was da gerade abläuft. Oberflächliches Zeug lässt sich nun mal genauso gut in Bildern wie in Geschwätz ausdrücken. Man muss es nur drauf haben.

Schalte ab, nicht nur das Radio sondern auch mich selbst, also vom Thema. Mein Hund wird plötzlich zum Mittelpunkt meiner kleinen Welt: Er muss raus. Und ich auch.

Irgendwann, am frühen Abend, kracht es draußen. Feuerwerk, Böller oder was auch immer. Einige Leute grölen und vereinzelte Autofahrer trumpfen hupend auf. Schon klar, was das heißt. Kann nicht anders, Glotze an: Schon wieder Aufnahmen von oben. Eine kleine Kolonne fetter schwarzer Fahrzeuge mit abgedunkelten Fenstern, gefolgt von Journalisten auf Motorrädern, zieht sich durch die nächtliche Szenerie einer Verkehrsader. Zwischendurch ein Split-Screen: Links die Fahrzeuge in zügiger Fahrt und rechts das Flugzeug, das auf den Delinquenten wartet, um ihn nach Curitiba zu bringen. Also dahin, wo jene Heilige Eminenz zu dinieren pflegt, welche den Haftbefehl ausgestellt hat.

Da sind wir aber froh, dass endlich der Gerechtigkeit Genüge getan worden ist.

Amen.

Vor dem Gesetz sind schließlich alle gleich.

Glotze aus.

Nur versandet

Wenn ich so mitbekomme, dass Weblogs, deren Leser ich war, plötzlich versanden oder im Delete verschwinden, dann kann ich das Versanden zwar verstehen, das Delete aber nicht. Meiner ist ja auch versandet. Seit gut einem Jahr. Aber löschen? Weshalb? Selbst als Blogger mit wenig Audienz, was nun mal zutrifft, würde mir das nicht einfallen. Es ist so wie mit alten Büchern, Notizen, Briefen oder von mir aus auch mit Abzügen analoger Negative, egal welcher Qualität. Man wirft sie nicht leichtfertig ins Feuer.

Hätte ich das getan, so würde ich es heute bereuen.

Hallo Sie!

Der große Vorteil der deutschen Sprache ist das Siezen. Sie wissen gar nicht, wie gut Sie es haben. Geben Sie das nicht auf. Lassen Sie sich das nicht nehmen. Es zeugt von Respekt. Distanz. Zurückhaltung. Eleganz. Understatement. Und das Beste ist: Sie können viel eleganter Nein sagen, als wenn jemand über die aufgesetzte angelsächsische Kumpelschiene kommt.

Da motzt zwar einer nur über sich “heranwanzende Vorgesetzte”, aber …

Und mit Vous, Lei und Usted scheint´s nicht viel anders zu sein; das sehen so manche Franzosen, Italiener und Spanier wohl ähnlich …

Falls es jemanden interessieren sollte …

… was gerade wirklich in Brasilien abläuft, dem sei der unten verlinkte Artikel empfohlen. Eine ganz gute Zusammenfassung, die auf die Hintergründe der aktuellen politischen Krise und damit auch auf das gerade angelaufene Verfahren zur Amtsenthebung der Präsidentin eingeht. Lohnenswerte Lektüre.

Zum Artikel

Apropos Rio

In Rio gibt es viele historische Stätten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die verwahrlost und nicht gerade einfach auszumachen sind; also solche, die an eine Zeit erinnern, in der aus der einstigen Kolonie Portugals ein unabhängiger Staat wurde. Auf den damals größten Handelsposten des amerikanischen Kontinents für afrikanische Sklaven weist allerdings überhaupt nichts mehr hin. Der Mercado do Valongo verschwand genauso aus dem Stadbild wie von der Karte, ohne Spuren zu hinterlassen. Als ob er nie existiert hätte, wird er nicht nur auf Stadtführern konsequent ignoriert. Und die Rua do Valongo, in der er stand, gibt es heute auch nicht mehr. Sie wurde in Rua do Camerino umbenannt.

Scheint so, als ob die Stadt dieses Warenhaus für Sklaven ein für alle Male vergessen und mit dem Verschwinden dieses Schandflecks auch ein Stück brasilianischer Geschichte vom Erdboden vertilgen wollte.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ganz in der Nähe steht heute übrigens das Sambódromo. Und das kennt jeder. So wie die Olympiade. Dauert ja nicht mehr lang …

Denkt er sich

Eigentlich könnt’ ich mir ja was anderes reinzieh’n.

Denkt er sich, während er in den Laden läuft, in der Schlange steht, sein Futter holt und sich hin pflanzt.

OK, is’ halt praktisch. Solang’ ich nich’ jeden Tag … Hör bloß auf. Und der da vorn? Guck dir den doch an. Was der auf’m Tablett hat. So wie der frisst. Du fette Sau. Nee, so bin ich nich’ drauf. Ich spar’ nur Zeit und weiß, was ich hier krieg’. Immer. Überall. Egal, wo ich bin. Is’ doch geil.

Denkt er sich, verputzt den Stoff, rülpst verhalten, lässt den Restmüll liegen und hechtet hinaus. Ein Furz droht an, sich quer zu setzen.

OK, mal seh’n.
Zieh’ mir morgen was anderes rein.

Denkt er sich.
Nicht wirklich.

Genug Geld haben

Haben Sie schon einmal einen Drogensüchtigen gesehen, dem der Stoff ausgegangen ist? Er bewegt Himmel und Hölle, er würde 20 Meilen zu Fuß gehen oder einer Großmutter ihr Gespartes abnehmen, um schnellst möglich an den nächsten Schuss zu kommen. Die Wall Street funktioniert genauso. Die Monate vor der Auszahlung der Boni haben viel gemein mit der Nachbarschaft im Film ‘The Wire’, als den Leuten das Heroin ausgegangen ist und sie einen neuen Schuss brauchen.

Wer das sagt, ist kein verwirrter Soziologe und schon gar kein böser Kommunist, sondern jemand, der es als Hedge-Fonds-Trader zu einem ansehnlichen Vermögen “brachte”. Was natürlich seinen Preis hatte: Zunächst hielt er sich mit Alkohol unter Strom, dann stieg er auf andere “leistungsfördernde Substanzen” um. Als auch das nicht mehr zu Genüge knallte, half nur noch der ultimative Fix:

Die Kohle an sich.

Bis er die Schnauze voll hatte und nüchtern wurde:

The first year was really hard. I went through what I can only describe as withdrawal — waking up at nights panicked about running out of money, scouring the headlines to see which of my old co-workers had gotten promoted.

“Der hat gut reden”, höre ich jetzt einige von Euch murmeln. “Geld hat er wohl trotzdem noch genug”. Keine Frage, aber wenn es nur darum ginge, hätte ich mir dieses Post auch sparen können.

Genug Geld zu haben ist halt etwas anderes als immer mehr davon haben zu wollen, vor allem dann, wenn man schon genug davon hat.

In Memoriam

CC BY-SA 2.0 DE Hans Weingartz

CC BY-SA 2.0 DE Hans Weingartz

Wenn man als junger Mensch aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen treu geblieben ist, sieht man als alter Sack halt aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.

Harry Rowohlt, 27.03.1945 – 15.06.2015

Virtueller Spickzettel

Durch mich fließt ein nicht abreißender Info-, Anreißer- und Teaser-Strom, der mein früheres Halbwissen durch ein Fake-Wissen ersetzt hat: Überall rede ich mit, denn das Internet, insbesondere der Social-Media-Feed, ist ein fortlaufender, sich ständig selbst aktualisierender Spickzettel.

Hauptsache, man gibt seinen Senf dazu. Selbst zu Dingen, die man nicht kennt…

Über den Zweck der Kleidung

Also, jetzt mal ganz von vorn:

Eine Kleidung ist schon immer das gewesen, was sie auch heute noch ist. Sie schützt nicht nur, sie ist Kultur, sie signalisiert die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und sie ist – natürlich – darüber hinaus auch eine Form des Zur-Schau-Stellens persönlicher oder kollektiver Eitelkeiten.

So weit, so gut.

Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass ihre Zweckentfremdung im Kontext der Globalisierung neue Auswüchse angenommen hat und dass deren negative Folgen nicht von der Hand zu weisen sind.

Zum Trost sei angemerkt, dass selbst in Zeiten mulitinationaler Logos niemand vor Überraschungen gefeit ist und es nach wie vor auch Formen positiver Zweckentfremdung geben kann. So zum Beispiel dann, wenn Hipster und Muslime die Klamotten tauschen:

hipstermuslims