Arquivo da tag: Alltag

São Paulo, kurz vor Zwölf

Im Supermarkt um die Ecke. Der Laden brummt. Ungewöhnlich, zu dieser Uhrzeit. Ein Bienenstock. Wieder draußen, die ersten Böller, das erste Gehupe. Noch sind die Straßen frei, wie an gewöhnlichen Feiertagen. Ja, heute ist einer, ausgerufen per Dekret, Grüße von der prefeitura. Noch sind die Straßen frei. Noch ist Zeit. Dennoch zügig nach Hause. Bevor sie anwälzt. Die Blechlawine der Torschluss-Panik. In wenigen Stunden. Kurz vor dem Spiel.

Oder auch nicht.

Das ist doch mal was …

Sprühregen.
Ganz, ganz fies.
Unter 10 Grad.
So was von mies.

Kalte Ohren.

Ich wiederhole:
Kalte Ohren.

Und kalte Nasen.

Ich wiederhole:
Kalte Nasen.

Dicke Jacken.
Kunstfaser.
Baumwolle.
Alles da.

Kapuzen.
Handschuhe gar.

So was von kalt.
Doch gar nicht alt.

Frische Luft.
Frisch und klar.

Nicht für lang.
Das ist wohl wahr.

Itaim-Bibi

Der erste Eindruck war nicht gerade berauschend. Ein gesichtsloses Viertel der sogenannten “gehobenen Mittelklasse”. Vor allem die “famosen” Restaurants haben mich wenig interessiert. Nicht nur wegen der Preise. Ich fand (und finde) das Ganze ziemlich versnobt oder, besser gesagt, einfach fútil.

Ich vermute, dass Itaim-Bibi seine erste, richtige Blütezeit Ende der Sechziger oder im Verlauf der Siebziger erlebt hat. Familien aus der einfachen Mittelschicht kamen zu Wohlstand und viele von denen konnten sich plötzlich große Appartments leisten. Das geht mir jedenfalls durch den Kopf, wenn ich gewissen älteren Damen oder Herren auf der Straße, im Supermarkt und sonstwo begegne, die mittlerweile von ihrer Rente zehren, immer noch in den besagten Appartments wohnen und sich wohl gerne an jene “guten Zeiten” erinnern, in denen sie hier ansässig wurden und in der die ersten, “anspruchsvolleren” Wohnkomplexe entstanden. Momentan erlebt das Viertel wieder einen Boom – wohl seinen letzten. Wo noch Platz ist, wird geplant, abgerissen und gebaut, was Markt und Grundstücke noch herzugeben imstande sind.

Obwohl hier eine ganze Menge gutsituierter Familien wohnt, kann man nicht gerade behaupten, dass sich deren Sprößlingen viele Möglichkeiten bieten. Von Parks und Spielplätzen keine Spur. Dem Nachwuchs bleibt nur die Wahl, sich auf den gesicherten Grundstücken der Wohngebäude zu tummeln. Auf der Straße zu spielen oder Fahrrad zu fahren ist undenkbar. Der gnadenlose Verkehr lärmt sich den ganzen Tag über durch die Blocks. Dementsprechend teuer sind auch die wenigen Krippen, Kindergärten und Schulen. Und das nicht, weil sie pädagogisch besonders wertvolle Arbeit leisten würden.

Warum also? Na?

Genau: weil sie halt in Itaim-Bibi sind.

Teuer sind auch viele andere Geschäfte und Dienstleistungen. Von der Modeboutique über den Supermarkt bis zum einfachen Haarschnitt. Wer hier wohnt, sollte sich auf jeden Fall ein wenig umtun und Preise vergleichen. Wer aber auf teuren Schnickschnack steht, ist wiederum genau richtig. Wem die Brieftasche locker sitzt, der kann sich hier mit allem möglichen Zeug eindecken. Und später in einem der Nobel-Restaurants bei einem gepflegten Roten über den Sinn des Lebens nachdenken.

Soweit der erste Eindruck, denn ganz so schlimm ist es dann nun doch wieder nicht.

Wer sich nämlich erst mal mit dem Viertel vertraut gemacht hat, kommt man auch damit zurecht, irgendwie … Man arrangiert sich und findet sie, jene kleine Handvoll guter und günstiger Restaurants. Oder einen fähigen Friseur mit vernünftigen Preisen. Oder freundliche Geschäftsinhaber, die sich auskennen. Oder einige wenige Bäckereien, wo man am Wochenende in angenehmer Atmosphäre an der Straße sitzen, einen Kaffee genießen und sich unter die Leute mischen kann. Überhaupt, wer die stressfreie Seite kennen lernen möchte, der sollte sich das Viertel an einem Samstagnachmittag oder an einem Sonntag zu Gemüte führen. Da geht’s dann schon wesentlich ruhiger zu. Man trifft viele Anwohner mit Kind und Kegel, Hund und Freundin, also im Grunde eine ganze Menge Leute, die wohl genau eben solche Momente doch zu schätzen scheinen, da sie in diesen Stunden immerhin den Versuch wagen, ihre Arbeitswelten und Termine und Verabredungen und Sonstiges für ein Weilchen hinter sich zu lassen.

Trotzdem: wer nicht irgendwann wieder von hier wegzieht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Moment mal!

Der “Moment” ist eingefangen, gezähmt und zur Plakette der dauerfeuernden Imformationsabteilung “Konsum” geworden, so dass bei allen Versuchen wenigstens temporäre Zufriedenheit im Nichtstun zu erlangen, erstmal die Mauern der biersüffelnden, waschmittelschnüffelnden und bergstraßenfahrenden Verheißungen nieder gerissen werden müssen, die einem den schönen Moment der Gegenwärtigkeit vernebeln. Die Welt wird nicht kleiner, sondern schneller – wir leider auch und nicht größer. Wir werden fragmentiert, teilchenbeschleunigt, aus dem Zusammenhang gerissen und in immer neue Verpackungen gestopft, beinahe unfähig uns auszupacken und anzuhalten. Ich habe Angst davor, von der Vergangenheit in die Zukunft ohne Gegenwart leben zu müssen.

Argwohn tut Not.

Das ist doch mal was …

Kommt mir bekannt vor, von A bis Z:

Abwechslung, Gedanken, klarer Kopf, Wetter …

Nur dass es heute nieselt.

Und dass es nicht Tag ist,
sondern Abend.

Und dass es nicht Frühling ist,
sondern Herbst.

Und dass ich keinen Schnee zu riechen meine.

Und dass ich kein Heimweh habe.
Zumindest nicht heute.

Aber sonst …

Die Stimme der Energie

Alt aber wahr; Kraftwerk ist immer noch guter Stoff:


So, und jetzt ziehe ich den Stecker raus und fahre für ein paar Tage ans Meer. Kein Handy, kein Internet, nur ein wenig Saft für Licht, Musik, den Kühlschrank und die Dusche – so viel bin ich dem Genius der Energie schon schuldig.

Zu fromm!

Die frommen Herren wollen so oft wissen, was wir denn eigentlich gegen sie und ihre Religion, wie sie sie ausüben, vorzubringen hätten. Eines unsrer Argumente ist die trostlose Plattheit ihrer religiösen Gefühle.
[…]
Und der Grund, aus dem der Kirche täglich mehr und mehr Leute fortlaufen, was nur zu begrüßen ist, liegt eben hierin: dass viele Diener dieser Kirche nur noch viel zu reden, aber wenig zu sagen haben. Wie schlecht wird da gesprochen! Wie oberflächlich sind die scheinbaren Anknüpfungspunkte an das Moderne, darauf sind diese Männer auch noch sehr stolz. Wie billig die Tricks, mit einer kleinen, scheinbar dem Alltag entnommenen Geschichte zu beginnen, um dann … emporzusteigen? Ach nein. Es ist so etwas Verblasenes – die Sätze klappern dahin, es rollen die Bibelzitate, und in der ganzen Predigt steht eigentlich nichts drin.
[…]
Aber eine so gute Propaganda, wie sie die Kirche gegen die Kirche macht, können wir gar nicht erfinden. Und ich weiß viele, die mit mir denken: Wir sind aus der Kirche ausgetreten, weil wir es nicht länger mitansehn konnten. Wir sind zu fromm.

Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 14.07.1931, Nr. 28, S. 72.

Angesammelt

Kenn Dein Limit!

Was solche “Aktionswochen” bewirken können, sei mal dahingestellt. Malt man sich aber nur für einen Augenblick aus, wie viele leere Pullen bundesweit jeden Tag allein in die Container wandern, dann scheint sich die Frage zu erübrigen, welches Rauschmittel sich nach wie vor bester Beliebtheit erfreut, für glänzende Umsätze sorgt und dessen exzessiver Konsum nur zu oft ein Verhalten herbeiführt, das sich in Form von Gewaltdelikten und Verkehrsunfällen in den Statistiken niederschlägt.

Blog Stats

Kann zuweilen ganz interessant sein, sich die Statistiken des eigenen Blogs anzugucken. Ein Detail macht mich allerdings stutzig. Ich frage mich – gemessen an der Häufigkeit der Clicks – welchen Narren einige Surfer wohl an Soziopathen wie Eric Harris und Dylan Klebold gefressen haben könnten. Ob’s daran liegt, dass das Columbine-Massaker sich in Kürze zum zehnten Mal jährt? Oder liegt’s an Michael Moore? Mag alles sein. Natürlich dürften auch die jüngsten Ereignisse in Deutschland eine Rolle spielen. Hier sei aber gesagt, dass die Werte auch schon vor Winnenden ungewöhnlich hoch waren. Wohlgemerkt: es handelt sich um ein einziges Bild, aufgenommen von einer Überwachungskamera, das die beiden am Tag ihres Verbrechens zeigt. Und ihre Namen führen seit Monaten (!) die Liste der Top Searches an. Könnte man also – nur aufgrund der Daten eines einzigen Blogs mit bescheidener Leserzahl – schon darauf schliessen, dass diese Typen nach wie vor ziemlich “populär” sind?

Also, ich kann mir nicht helfen. Ich vermute, dass für einen kleinen Teil der Klicker diese Irren so was wie Celebrities sind.

Normal …

earthbrazil

Earth and Moon from Space, shot by GALILEO

Die Tatsache, dass wir am Boden eines Gravitationsschachts, auf der Oberfläche eines von einer Gashülle umgebenen Planeten leben, der sich um einen 90 Milliarden Meilen entfernten atomaren Feuerball dreht, und das für normal halten, deutet zweifellos darauf hin, wie schräg unsere Perspektive manchmal ist.

The fact that we live at the bottom of a deep gravity well, on the surface of a gas covered planet going around a nuclear fireball 90 million miles away and think this to be normal is obviously some indication of how skewed our perspective tends to be.

Douglas Adams