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Falls es jemanden interessieren sollte …

… was gerade wirklich in Brasilien abläuft, dem sei der unten verlinkte Artikel empfohlen. Eine ganz gute Zusammenfassung, die auf die Hintergründe der aktuellen politischen Krise und damit auch auf das gerade angelaufene Verfahren zur Amtsenthebung der Präsidentin eingeht. Lohnenswerte Lektüre.

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Apropos Rio

In Rio gibt es viele historische Stätten aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die verwahrlost und nicht gerade einfach auszumachen sind; also solche, die an eine Zeit erinnern, in der aus der einstigen Kolonie Portugals ein unabhängiger Staat wurde. Auf den damals größten Handelsposten des amerikanischen Kontinents für afrikanische Sklaven weist allerdings überhaupt nichts mehr hin. Der Mercado do Valongo verschwand genauso aus dem Stadbild wie von der Karte, ohne Spuren zu hinterlassen. Als ob er nie existiert hätte, wird er nicht nur auf Stadtführern konsequent ignoriert. Und die Rua do Valongo, in der er stand, gibt es heute auch nicht mehr. Sie wurde in Rua do Camerino umbenannt.

Scheint so, als ob die Stadt dieses Warenhaus für Sklaven ein für alle Male vergessen und mit dem Verschwinden dieses Schandflecks auch ein Stück brasilianischer Geschichte vom Erdboden vertilgen wollte.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ganz in der Nähe steht heute übrigens das Sambódromo. Und das kennt jeder. So wie die Olympiade. Dauert ja nicht mehr lang …

Da wird was knapp …

… aber das mag Euch wenig jucken. Euch dort in Europa. – Uns aber schon.

Und selbst hiesige Dumpfbacken werden dann ihren Kopf in Kürze nicht mehr in den Sand stecken können. Geschweige denn unter die Dusche.

Und das juckt dann umso mehr.

São Paulo, kurz vor Zwölf

Im Supermarkt um die Ecke. Der Laden brummt. Ungewöhnlich, zu dieser Uhrzeit. Ein Bienenstock. Wieder draußen, die ersten Böller, das erste Gehupe. Noch sind die Straßen frei, wie an gewöhnlichen Feiertagen. Ja, heute ist einer, ausgerufen per Dekret, Grüße von der prefeitura. Noch sind die Straßen frei. Noch ist Zeit. Dennoch zügig nach Hause. Bevor sie anwälzt. Die Blechlawine der Torschluss-Panik. In wenigen Stunden. Kurz vor dem Spiel.

Oder auch nicht.

Vielfalt der Stimmen?

Schade, dass die Buchbranche im Oktober nur einen Teil der grandiosen Kreativität Brasiliens kennenlernen wird. Das ist, als liefe man durch den Urwald im Amazonas oder die Straßen von Salvador da Bahia und schaltete den Ton ab.

Michaela Metz, Süddeutsche Zeitung

Das ist doch mal was …

Sprühregen.
Ganz, ganz fies.
Unter 10 Grad.
So was von mies.

Kalte Ohren.

Ich wiederhole:
Kalte Ohren.

Und kalte Nasen.

Ich wiederhole:
Kalte Nasen.

Dicke Jacken.
Kunstfaser.
Baumwolle.
Alles da.

Kapuzen.
Handschuhe gar.

So was von kalt.
Doch gar nicht alt.

Frische Luft.
Frisch und klar.

Nicht für lang.
Das ist wohl wahr.

Zwanghaft

Da regt man sich eher auf, wenn man schneller als 120 fährt; bei einigen ist es umgekehrt, die regen ständig auf, vor allem Andere, die können nicht anders und müssen daher auch schneller als 120 dürfen.

Pontifex-Stoff

Die Paróquia São Francisco ist eine historisch nicht gerade unbedeutende Kirche im Zentrum São Paulos. Vor fast genau vier Wochen, (selbst meine Frau kannte sie nicht – dabei ist sie hier geboren), wohnten wir eben genau dort einer Hochzeit bei und freuten uns für die Beiden. Es war eine “klassische “ Zeremonie, katholisch halt, wenn auch mit schon “moderateren Tönen”, ganz zu Anfang: da spielten ein paar Streicher hinter dem Altar eine schon sehr weltlich-kitschige Melodie – oder auch zwei, oder drei. Der Priester? Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, mit volleren, wuschelig-grauen Haaren; einer, der zunächst als “Gewöhnlicher” in seinem “Heiligtum” herumlief um Verwandten und anderen bei den letzten Vorbereitungen behilflich zu sein, welcher also als “Solcher” nicht von Anfang an erkennbar war. Dass er dann später in seiner Robe wesentlich langweiliger rüberkam als “inkognito”, tut nichts zur Sache. Er (oder “es”) tat dem entspannten “Klima” in der Paróquia nämlich keinen Abbruch. Man begrüßte sich, flüsterte miteinander, sah nach vorn und zuweilen gar nach oben.

Da tat sich der “Himmel” dann doch schon auf, wenn auch nur ein wenig.

In Memoriam

Oscar Niemeyer, 1907 – 2012  (Photo: AFP)

Memento Mori

Aufgekratzt und verärgert kam meine Frau heute Abend von einem langen Besuch bei einer Cousine zurück, deren Mann vor zwei Tagen kurz nach einer Operation völlig unerwartet verstorben war. Für meine Frau und meine Schwiegermutter war dieser Besuch etwas Selbstverständliches – und das nicht nur aus familiären Gründen oder weil sie eben eingeladen wurden. Persönlich kann ich das gut nachvollziehen, das Paar ist mir selbst in guter Erinnerung; die wenigen Besuche, bei denen ich Gelegenheit hatte, die beiden kennen zu lernen, zeugten nicht nur von einer hierzulande üblichen Gastfreundschaft, sondern darüber hinaus auch von jener Entspanntheit im Umgang mit anderen, welche eher seltener anzutreffen ist.

Es begann als familiärer und freundschaftlicher Besuch, als ein Beistehen, ganz unverkrampft. Frau und Schwiegermutter “erlebten” als einzige Besucher die Witwe in allen Facetten. sie weinte, sie schimpfte und nach einiger Zeit lachte sie sogar. Trauer hat viele Gesichter.

Es endete als etwas ganz anderes und hier liegt auch der Grund für die Gereiztheit meiner Frau, so wie ich sie jetzt in Erinnerung habe, als sie zur Tür hereingekommen war, bevor sie mir obiges und folgendes erzählte:

Irgendwann, inmitten all dessen, klingelte das Telefon. Jemand erkundigte sich nach dem Befinden der Trauernden und ludt sich ein, vorbeizukommen. Bekannte, ein mit der Witwe “befreundetes” Paar. Die Betroffene, schon ein wenig dem Rotwein zugetan, gab dem Ersuchen nach.

Das Erscheinen dieser Leute muss wie ein Schnitt gewesen sein. CUT. Nichts Freundschaftliches mehr, nichts Familiäres. Von einem Moment zum anderen verwandelte deren plötzliche Gegenwart alles in ein absurdes, verkrampftes Bühnenspiel.

Das “befreundete” Paar erschien überraschenderweise mit Anhang: einem mageren Typen mit Bart und einer dicklichen Kollegin, beide “ihres Zeichens” Psychoanalytiker und beide im fortgeschrittenen Alter. Die Cousine hatte gerade eine Kerze zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten angezündet, als der ganze Tross durch die Tür hereinkam. Eben wegen der Kerze handelte sich die Witwe dann auch prompt einen ersten kühlen, fast zynischen Blick des graubärtigen Alten ein. Nachdem es sich das ganze Volk dann bequem gemacht hatte, fing selbiger an zu reden und hörte nicht mehr auf. Er schwadronierte über den Holocaust, irgendeinen italienischen Philosophen, Lacan und anderes. Er war nicht mehr zu halten und die Witwe hörte seinem Gelaber zu und auch wieder nicht. Sie hatte aufgehört zu weinen, zu schimpfen und zu lachen. Zuweilen, wenn der Meister es gestattete oder einfach nur Luft holen musste, nutzte sie die Lücken um ihrerseits sinnlos drauflos zu quatschen. Woran der Alte wiederum seinen stillen, perversen Spass gehabt haben dürfte.

Meiner Frau lag es auf den Lippen, ihn zurecht zu weisen. Sie wusste nur nicht wie. Sie fühlte sich wie die Gefangene in einer Blase. In der Blase eines Schwätzers. Und dann kam die Wut in ihr hoch, wie dieser selbstgefällige Pavian es wagen konnte … und mit der Wut auch die Frage, weshalb er freies Spiel hatte ..

Meine Frau und meine Schwiegermutter sind nun wirklich nicht immer einer Meinung. Am heutigen Abend waren sie es dafür aber um so mehr. Zunächst in Form eindeutiger Blicke im Wohnzimmer der Witwe und später dann in kurzen, klaren Worten auf dem Weg nach Hause.

Memento mori, du Arsch!