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In Memoriam

Oscar Niemeyer, 1907 – 2012  (Photo: AFP)

Memento Mori

Aufgekratzt und verärgert kam meine Frau heute Abend von einem langen Besuch bei einer Cousine zurück, deren Mann vor zwei Tagen kurz nach einer Operation völlig unerwartet verstorben war. Für meine Frau und meine Schwiegermutter war dieser Besuch etwas Selbstverständliches – und das nicht nur aus familiären Gründen oder weil sie eben eingeladen wurden. Persönlich kann ich das gut nachvollziehen, das Paar ist mir selbst in guter Erinnerung; die wenigen Besuche, bei denen ich Gelegenheit hatte, die beiden kennen zu lernen, zeugten nicht nur von einer hierzulande üblichen Gastfreundschaft, sondern darüber hinaus auch von jener Entspanntheit im Umgang mit anderen, welche eher seltener anzutreffen ist.

Es begann als familiärer und freundschaftlicher Besuch, als ein Beistehen, ganz unverkrampft. Frau und Schwiegermutter „erlebten“ als einzige Besucher die Witwe in allen Facetten. sie weinte, sie schimpfte und nach einiger Zeit lachte sie sogar. Trauer hat viele Gesichter.

Es endete als etwas ganz anderes und hier liegt auch der Grund für die Gereiztheit meiner Frau, so wie ich sie jetzt in Erinnerung habe, als sie zur Tür hereingekommen war, bevor sie mir obiges und folgendes erzählte:

Irgendwann, inmitten all dessen, klingelte das Telefon. Jemand erkundigte sich nach dem Befinden der Trauernden und ludt sich ein, vorbeizukommen. Bekannte, ein mit der Witwe „befreundetes“ Paar. Die Betroffene, schon ein wenig dem Rotwein zugetan, gab dem Ersuchen nach.

Das Erscheinen dieser Leute muss wie ein Schnitt gewesen sein. CUT. Nichts Freundschaftliches mehr, nichts Familiäres. Von einem Moment zum anderen verwandelte deren plötzliche Gegenwart alles in ein absurdes, verkrampftes Bühnenspiel.

Das „befreundete“ Paar erschien überraschenderweise mit Anhang: einem mageren Typen mit Bart und einer dicklichen Kollegin, beide „ihres Zeichens“ Psychoanalytiker und beide im fortgeschrittenen Alter. Die Cousine hatte gerade eine Kerze zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten angezündet, als der ganze Tross durch die Tür hereinkam. Eben wegen der Kerze handelte sich die Witwe dann auch prompt einen ersten kühlen, fast zynischen Blick des graubärtigen Alten ein. Nachdem es sich das ganze Volk dann bequem gemacht hatte, fing selbiger an zu reden und hörte nicht mehr auf. Er schwadronierte über den Holocaust, irgendeinen italienischen Philosophen, Lacan und anderes. Er war nicht mehr zu halten und die Witwe hörte seinem Gelaber zu und auch wieder nicht. Sie hatte aufgehört zu weinen, zu schimpfen und zu lachen. Zuweilen, wenn der Meister es gestattete oder einfach nur Luft holen musste, nutzte sie die Lücken um ihrerseits sinnlos drauflos zu quatschen. Woran der Alte wiederum seinen stillen, perversen Spass gehabt haben dürfte.

Meiner Frau lag es auf den Lippen, ihn zurecht zu weisen. Sie wusste nur nicht wie. Sie fühlte sich wie die Gefangene in einer Blase. In der Blase eines Schwätzers. Und dann kam die Wut in ihr hoch, wie dieser selbstgefällige Pavian es wagen konnte … und mit der Wut auch die Frage, weshalb er freies Spiel hatte ..

Meine Frau und meine Schwiegermutter sind nun wirklich nicht immer einer Meinung. Am heutigen Abend waren sie es dafür aber um so mehr. Zunächst in Form eindeutiger Blicke im Wohnzimmer der Witwe und später dann in kurzen, klaren Worten auf dem Weg nach Hause.

Memento mori, du Arsch!

„Zero Tolerance“ auf Brasilianisch

Von Glauco Cortez
Übersetzung: Peter Hilgeland

Nach fast 20 Jahren Regierungsverantwortung der PSDB im brasilianischen Bundesstaat São Paulo steigt die Anzahl der Morde weiterhin an. Es ist das Ergebnis eines urbanen Krieges zwischen der Polícia Militar und organisierten Drogenbanden. Man bedenke: Die Generation derjenigen, die heute gezielt Polizisten töten, wurde also zu einer Zeit geboren, in der die PSDB dort an die Macht kam.

Gouverneur Geraldo Alkmin ist als eines ihrer medialen Aushängeschilder für eine politische Ausrichtung mitverantwortlich, deren praktische Umsetzung von seiner Partei in São Paulo vorangetrieben wird. „Wir werden die Banditen mit Härte bekämpfen, sie werden uns nicht einschüchtern, Banditen gehören in den Knast.“ So oder ähnlich pflegt er sich wöchentlich in den Medien zu äußern.

Dementsprechend gestaltet sich auch die Sicherheitspolitik seiner Regierung. Der Hardliner-Diskurs würde wohl noch besser greifen, wenn es möglich wäre, Elemente des Rechtsstaates zu verwässern und der Polícia Militar dadurch einen Freibrief zum Töten auszustellen. Für manche in Alckmins Partei wäre dies wohl ein akzeptabler Weg, um Gewalt erfolgreich zu bekämpfen. Nicht von ungefähr nominierte die PSDB Kandidaten für die vor kurzem gelaufenen Kommunalwahlen, deren Motto klarer nicht sein könnte: „Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.“

Angesichts der Tatsache, dass ein weiterhin rigides Vorgehen wenig Aussicht auf Erfolg zu haben scheint und darüber hinaus die Rückkehr zu einer Politik jenes Staatsterrors einleitet, wie er noch aus den Zeiten der Diktatur bekannt ist, manövriert sich Alckmins Partei hier in eine bedenkliche Lage. Dabei ist es offensichtlich, dass die „Strategie“ der PSDB nicht greift. Die Situation hat sich nämlich in den fast zwanzig Jahren ihrer Regierung nur verschlechtert. Was ihr noch bleibt, ist das Schönreden von Gewaltstatistiken.

Der Polizei sei also empfohlen, weniger Gebrauch von der Schusswaffe zu machen und sich stattdessen mehr auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Die von der PSDB geführte Regierung handelte den Beamten nämlich einen ziemlich perversen, urbanen Krieg ein. Als Uniformierte haben sie es in den Städten mit nicht uniformierten, organisierten Kriminellen zu tun und werden dadurch zu einem leichten Ziel für Gewalt.

Dabei geht es nicht nur um die rechtspopulistischen Sprüche so mancher Konservativer, auch nicht so sehr um politische Unfähigkeit und Ignoranz, sondern vor allem um das wässrige, gescheiterte Konzept, die Bekämpfung des Drogenkonsums zu einer reinen Polizeiangelegenheit zu machen. [Ganz abgesehen von den Spezialkommandos, die unter anderem für die sogenannte „Crowd and Riot Control“ zuständig sind]. – Es ist an der Zeit, dass endlich alternative Modelle zur Eindämmung dieses Problems in der brasilianischen Öffentlichkeit zur Sprache gebracht werden.

Quelle: Alexandre Vieira (flickr.com)

Wie viele Drogentote machten eigentlich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen? Ich erinnere mich noch an Cássia Eller, das war 2001, sonst aber an niemanden. Im Gegensatz dazu sei gefragt: Wie viele Menschen sind eigentlich nur in dieser Woche an den Folgen eines verdeckten Bürgerkrieges gestorben? Dutzende? Vielleicht sogar hunderte? Eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Problem ist dringend erforderlich, ohne Vorurteile, ohne Mystifizierung und ohne Tabus. Ein Festhalten an diesem Krieg ist nicht tragbar. Die Polizeiangehörigen und deren Familien haben es nicht verdient, in bürgerkriegsähnliche Zustände hineingezogen zu werden.

Räumung des Viertels Pinheirinho, Januar 2012. – (Quelle nicht bekannt)

Weshalb kapieren diese [selbsternannten] Genies von der PSDB eigentlich nicht, dass es um gerechte Einkommensverteilung geht, dass in die städtischen Randgebiete investiert werden muss und dass die öffentlichen Schulen dringend mehr finanzielle Mittel benötigen?

Die Zwangsräumung des Viertels Pinheirino mag einen Eindruck dessen vermitteln, was da noch so von der PSDB [und anderen Parteien] unter „Sicherheitspolitik“ verstanden werden könnte, nämlich – wie in diesem Fall – die [sehr kurzfristig angekündigte] Vertreibung armer Teile der Bevölkerung aus ihren Behausungen [das weitläufige, verlassene Gelände wurde seit 2004 von obdachlosen Familien besetzt], um es einem Spekulanten zugänglich machen zu können.

Wer arm ist, gilt nun mal als potentieller Verbrecher …

Während all dieser Jahre war die PSDB nicht dazu in der Lage [oder nicht willens?], staatliche Strukturen zu schaffen, die beispielsweise ihren Teil dazu hätten beitragen können, die wahren Ursachen für die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen durch Drogenbanden einzudämmen.

Solange es keine umfangreiche Bildungs- und Sozialpolitik gibt und solange keine wirklich sachliche Auseinandersetzung über Drogen statt findet, ist ein Ende dieses Krieges nicht absehbar.

Glauco Cortez ist Sozialwissenschaftler, Journalist und Autor mehrerer Sachbücher.

Itaim-Bibi

Der erste Eindruck war nicht gerade berauschend. Ein gesichtsloses Viertel der sogenannten „gehobenen Mittelklasse“. Vor allem die „famosen“ Restaurants haben mich wenig interessiert. Nicht nur wegen der Preise. Ich fand (und finde) das Ganze ziemlich versnobt oder, besser gesagt, einfach fútil.

Ich vermute, dass Itaim-Bibi seine erste, richtige Blütezeit Ende der Sechziger oder im Verlauf der Siebziger erlebt hat. Familien aus der einfachen Mittelschicht kamen zu Wohlstand und viele von denen konnten sich plötzlich große Appartments leisten. Das geht mir jedenfalls durch den Kopf, wenn ich gewissen älteren Damen oder Herren auf der Straße, im Supermarkt und sonstwo begegne, die mittlerweile von ihrer Rente zehren, immer noch in den besagten Appartments wohnen und sich wohl gerne an jene „guten Zeiten“ erinnern, in denen sie hier ansässig wurden und in der die ersten, „anspruchsvolleren“ Wohnkomplexe entstanden. Momentan erlebt das Viertel wieder einen Boom – wohl seinen letzten. Wo noch Platz ist, wird geplant, abgerissen und gebaut, was Markt und Grundstücke noch herzugeben imstande sind.

Obwohl hier eine ganze Menge gutsituierter Familien wohnt, kann man nicht gerade behaupten, dass sich deren Sprößlingen viele Möglichkeiten bieten. Von Parks und Spielplätzen keine Spur. Dem Nachwuchs bleibt nur die Wahl, sich auf den gesicherten Grundstücken der Wohngebäude zu tummeln. Auf der Straße zu spielen oder Fahrrad zu fahren ist undenkbar. Der gnadenlose Verkehr lärmt sich den ganzen Tag über durch die Blocks. Dementsprechend teuer sind auch die wenigen Krippen, Kindergärten und Schulen. Und das nicht, weil sie pädagogisch besonders wertvolle Arbeit leisten würden.

Warum also? Na?

Genau: weil sie halt in Itaim-Bibi sind.

Teuer sind auch viele andere Geschäfte und Dienstleistungen. Von der Modeboutique über den Supermarkt bis zum einfachen Haarschnitt. Wer hier wohnt, sollte sich auf jeden Fall ein wenig umtun und Preise vergleichen. Wer aber auf teuren Schnickschnack steht, ist wiederum genau richtig. Wem die Brieftasche locker sitzt, der kann sich hier mit allem möglichen Zeug eindecken. Und später in einem der Nobel-Restaurants bei einem gepflegten Roten über den Sinn des Lebens nachdenken.

Soweit der erste Eindruck, denn ganz so schlimm ist es dann nun doch wieder nicht.

Wer sich nämlich erst mal mit dem Viertel vertraut gemacht hat, kommt man auch damit zurecht, irgendwie … Man arrangiert sich und findet sie, jene kleine Handvoll guter und günstiger Restaurants. Oder einen fähigen Friseur mit vernünftigen Preisen. Oder freundliche Geschäftsinhaber, die sich auskennen. Oder einige wenige Bäckereien, wo man am Wochenende in angenehmer Atmosphäre an der Straße sitzen, einen Kaffee genießen und sich unter die Leute mischen kann. Überhaupt, wer die stressfreie Seite kennen lernen möchte, der sollte sich das Viertel an einem Samstagnachmittag oder an einem Sonntag zu Gemüte führen. Da geht’s dann schon wesentlich ruhiger zu. Man trifft viele Anwohner mit Kind und Kegel, Hund und Freundin, also im Grunde eine ganze Menge Leute, die wohl genau eben solche Momente doch zu schätzen scheinen, da sie in diesen Stunden immerhin den Versuch wagen, ihre Arbeitswelten und Termine und Verabredungen und Sonstiges für ein Weilchen hinter sich zu lassen.

Trotzdem: wer nicht irgendwann wieder von hier wegzieht, dem ist nicht mehr zu helfen.

An der Kurve einer Straße

Von Glauco Cortez
Übersetzung: Peter Hilgeland

War ich ein Teil des Ganzen oder nur ein Beobachter? Es war bei Nacht, an einem Abschnitt jener Straße, die mir genauso bekannt wie fremd vorkam, an einem Stück Kurve aus plattgewalzter Erde.

Bewirtschaftete Felder auf beiden Seiten, wahrscheinlich Kaffee.

An der Kurve hockte in einiger Entfernung zu meiner Linken eine junge Frau am Rande der Pflanzungen. Die Frau, mit glatten Haaren und heller Haut, hatte etwas gefunden, war mit etwas beschäftigt, Schmuck oder edles Metall, auffallend verführerisch im Scheinwerferlicht glänzend und blinkend.

Plötzlich erschien ein Mann auf der anderen Seite der Kurve, eher jung, wohl unter 30, dunkelhäutig, kahl. Sein makelloser Anzug leuchtete in violetten und rosafarbenen Tönen. Abwesenden Blickes und schwindsüchtigen Wesens, eine Metallkette in Händen haltend, kam er näher, sah, was geschah, wandte sich ab und verschwand zu meiner Rechten in der Dunkelheit.

Knüppel aus dem Sack

Alles wiederholt sich in Libyen, angefangen mit der Scheinheiligkeit der selektiven Empörung: Einige Tyrannen, zuvor toleriert, wenn nicht gar offen unterstützt wie Saddam, werden unakzeptabel und attackierbar, während der Knüppel andere schont, die noch nütze sind. Danach folgen die Verluste an Zivilisten, angeklagt von der einen Seite und bestritten von der anderen, Fotos verstümmelter Kinder und Diskussionen über die Effizienz von ‚chirurgischen’ Luftschlägen. Und so haben wir ein weiteres Beispiel eines modernen Beitrags zu den Kriegstaktiken, die eigenartige Doktrin des humanitären Bombardements.

Luís Fernando Veríssimo, brasilianischer Schriftsteller und Kolumnist, übersetzt und zitiert von Klaus Hart, gefunden im Blättchen.

Tea For Real

Sie sind Teetrinker und leben in Brasilien? Da haben Sie sich ja was eingebrüht! Vor allem dann, wenn Sie weder auf Kräutertees, noch auf Mate abfahren und dazu auf dem Land wohnen. Aber selbst in den Metropolen ist die Beschaffung von gutem schwarzen Tee – um den geht’s hier nämlich – ein heikles Unterfangen.

Nicht, dass der Verkauf und Konsum dieser stimulierenden Droge in einem ausgewiesenem Kaffeeland wie diesem illegal wäre … Obwohl: die Kurse einer auch hier ansässigen, auf diesen Stoff spezialisierten Ladenkette mit Hauptsitz in Deutschland erwecken schon den Eindruck, man habe es mit Dealern zu tun, die gnadenlos fast jeden Preis für ein Tütchen Darjeeling verlangen. Es kann also zu einer erniedrigenden Erfahrung werden, eine dieser Filialen in einer Stadt wie São Paulo aufzusuchen, sich mit dem fast arroganten Verhalten so mancher Verkäufer auseinander zu setzen und sich wie ein mittelloser Junkie zu fühlen auf seiner Suche nach jenem Kraut, das – mit kochendem Wasser aufgebrüht – jenes begehrenswerte Getränk hervorzaubert, welches jedwede Art geistiger Aktivität auf anregende Art und Weise begleitet.

Shame on you Americans! Wie kann man dieses Gold nur im Hafen versenken und sogar noch stolz darauf sein?

Wie dem auch sei. Lassen Sie trotzdem nicht den Kopf hängen, sondern vertrauen sie Ihrem Instinkt. Vergeschwendern Sie nicht Ihr Geld! Denken Sie um! Wer suchet, der findet! Die Alternative ist eine englische Marke, die – obwohl sie ihren Stoff hier nur in Tüten verkauft – von sich zu Recht in Anspruch nehmen kann, die einizge hierzulande zu sein, deren Produkt dem Geschmack von lose aufgebrühten Darjeeling-Blättern zumindest ansatzweise entspricht.

Besagtes Label, welches seinen – hm – Darjeeling in violetter Verpackung auch in Deutschland vertreibt, mag eben dort bei Tea-Freaks kaum Beachtung finden. Von meiner Wenigkeit wurde sie zumindest geflissentlich ignoriert, als ich noch … sie wissen schon.

Dabei ist das Zeug wirklich nicht so schlecht.

Considering the fact, dass es sich um tea bags handelt.


Update (02.08.2013)

Besagtes Zeug ist leider schon seit einiger Zeit nicht mehr in den Märkten zu finden. Verstehe einer, weshalb die oben erwähnte englische Marke ausgerechnet ihre violette Verpackung aus diesen Breiten verbannt haben könnte. Andersfarbige Schächtelchen derselben sind nämlich noch da – also der ganze übliche Mist, das übliche Klischee. Na, dann kauft mal schön, Ihr Spacken.

Earl Grey my ass!

Das ist doch mal was …

Kommt mir bekannt vor, von A bis Z:

Abwechslung, Gedanken, klarer Kopf, Wetter …

Nur dass es heute nieselt.

Und dass es nicht Tag ist,
sondern Abend.

Und dass es nicht Frühling ist,
sondern Herbst.

Und dass ich keinen Schnee zu riechen meine.

Und dass ich kein Heimweh habe.
Zumindest nicht heute.

Aber sonst …

Offline 1

Notiert am 05.06.2010

Auf einer kleinen überdachten Veranda an diesem angenehm kühlen, verregneten Samstag die großblättrigen subtropischen Gewächse eines Gartens zu bewundern, der ständig von urwüchsiger Mata Atlântica „bedroht“ wird, und dabei einen Laptop ohne Internet-Zugang auf dem Schoß zu haben, ist eine klärende Erfahrung. Der Laptop wird zur Schreibmaschine, der Schreiber ist kein Blogger, Tweeter, Forist, Surfer, sondern ein Individuum ohne virtuelle Resonanz, ohne „Öffentlichkeit“, ohne das mögliche, aber nicht unbedingt wahrscheinliche Feedback anderer, also ohne den „Spiegel“, den er sich selbst laufend vorhält, wenn er sich einloggt.

Wäre unser Ego nicht so gestrickt, dann würde es vieles im Internet nicht geben: so viele sinnlose Posts, so viele blödsinnigen, nichtssagenden Kurz-Kommentare auf Twitter oder Facebook, oder wo auch immer. Und dieser Text ist halt auch nicht so, wie er wäre, wenn es sich um eine persönliche Tagebuch-Notiz handeln würde; er verschwindet nicht in einer Schublade: jene dubiose Öffentlichkeit, die mir in diesem zauberhaften Augenblick mangels einer nicht vorhandenen Internet-Verbindung „versagt“ ist, beeinflusst genau eben das, was ich gerade schreibe. Schließlich nehme ich die „Schreibmaschine“ morgen mit nach Hause, um das „hässliche analoge Entlein“ wieder in einen „digitalen Schwan“ verwandeln zu können. Oder so ähnlich …

Kurz: ja, ich bin eitel! Ich poste nicht nur, weil ich gerne schreibe, sondern eben auch deshalb, weil ich mir wünsche, dass andere lesen mögen, was ich hier gerade herunter tippe.

Machen wir uns nichts vor: welchen anderen Sinn könnte ein Blog haben?

Autogrammstunde

Wenn brasilianische Punker neues Vinyl in einer stadtbekannten Buchhandlung präsentieren, dann sieht das ungefähr so aus:

Muketa di Rato und Dead Fish auf einer Scheibe

"Mukeka di Rato" und "Dead Fish"

Aus einem Photostream von Marcelo Shina.