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Was Israel mit Heine zu tun haben könnte …

Wie immer man die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland in den ersten Jahrzehnten unseres [des 20.] Jahrhunderts beurteilen mag, unbefangen und natürlich waren sie niemals und konnten es wohl auch nicht sein. Dass diese tief verwurzelte Befangenheit nach allem, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, auf ungeheuerliche Weise steigen musste, bedarf wohl keiner Begründung.

Wo aber eine im Grunde unfassbare Hypothek die Beziehungen zwischen den Menschen belastet, wo man sich also Unbefangenheit überhaupt nicht mehr vorstellen kann, da hat der Ruf nach Brüderlichkeit einen fatalen Beigeschmack und wird schlechterdings unglaubhaft. Ich frage mich oft, woher jene, die alljährlich die Brüderlichkeit fordern, den Mut dazu nehmen. Nicht der Heuchelei verdächtige ich sie, wohl aber der Weltfremdheit. Wer die Brüderlichkeit predigt, beruhigt vielleicht sein Gewissen, erreicht jedoch gar nichts. Denn mit der Brüderlichkeit ist es wie mit der Liebe: Sie lassen sich weder erbitten noch gar verfügen.

Muss es denn überhaupt gleich Liebe und Brüderlichkeit sein? Fairness und gegenseitiges Verständnis – das mögen bescheidene Ziele sein, aber sie sind auch realer und eher unserer Zeit angemessen. Wichtiger als die feierliche Beteuerung ist die sachliche Aufklärung. Man höre auf zu lamentieren und versuche zu informieren. Statt die Kollektivscham zu fordern und statt die Brüderlichkeit zu predigen, was niemand mehr ernst nimmt, versuche man – und das ist gewiss schwieriger – die Intoleranz und die Rücksichtslosigkeit zu bekämpfen.

Marcel Reich-Ranicki, “Über Ruhestörer – Juden in der deutschen Literatur”, DVA, 1989

Willy wählen!

Wenn man Vertreter der heute herrschenden SPD-Gruppe auf die 45,8% anspricht, die die SPD als vergleichsweise linke Partei mit einem offensiven Wahlkampf 1972 erreicht hatte, dann verweisen sie auf die angeblich total veränderten Umstände. Die Umstände haben sich jedoch nicht prinzipiell verändert, die SPD hat sich verändert. Sie hätte auch damals die Wahl nicht gewonnen, wenn sie sich der Wirtschaft und den Rechtskonservativen so angepasst hätte, wie sie das heute tut.

Albrecht Müller war 1972 für den Wahlkampf der SPD verantwortlich und ist Autor des Buches “Willy wählen – Zur Aktualität der Wahl ’72”, erschienen im Plöger Verlag.