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Finger weg!

Sehr geehrte Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr verehrte Planer von Freizeitparks, Loveparades, Expo’s und all dem anderen Nonsens! Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib, schickt uns keine portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen in die Hand, interviewt uns nicht, filmt uns nicht, laßt uns in Ruhe! Laßt uns herumstehen, denn Herumstehen ist Freiheit! Und gebt euch zufrieden damit, wenn wir das, was uns interessant vorkommt, vielleicht niemandem erzählen wollen.

Kleiner, aber feiner Auszug aus der Dankrede von Wilhelm Genazino.

Schneeschmelze sei Dank!

Und bist Du nicht willig …

Genuss ohne Freiheit ist wie ein durch äußere Gewalt herbeigeführtes Lächeln.

Getweetet von MartinOHamann

Über die Freiheit

Schon die Väter und Mütter des modernen Europa wussten, dass Freiheit keine reine Selbstbefriedigung ist. So gehören Freiheit und Verantwortung unabdingbar zusammen. Nur wer frei ist und immer die Wahl hat sich auch anders zu entscheiden, kann auch verantwortlich handeln. Andererseits sorgt auch nur der verantwortlich Handelnde dafür, dass die Freiheit des Anderen und damit letztlich auch seine eigene gewährleistet bleiben. Immanuel Kant hat mit seiner Definition des kategorischen Imperativs ein brauchbares Instrument zur Überprüfung verantwortlichen Handelns geliefert: “Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.” Das ist mit dem Begriff “Gleichheit” gemeint. Um dem persönlichen Kanon aus Freiheit und Verantwortung noch eine gesellschaftliche Dimension zu geben, wurde der Freiheit und der Gleichheit noch die Brüderlichkeit zur Seite gestellt. Die Brüderlichkeit soll andeuten, dass das Handeln des Einzelnen auch zum Wohle der Allgemeinheit, den Brüdern und Schwestern innerhalb der staatlichen Gemeinschaft dienen soll. Damit ist der Nutzwert einer Gesellschaft definiert. Der Nutzen soll also nicht in der Bereicherung Einzelner liegen, sondern ist in einem sozialen Utilitarismus begründet: “Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück (für alle) entsteht.”
Dieser Dreiklang findet sich im Selbstverständnis aller modernen westlichen Staaten wieder. So auch in der deutschen Interpretation: “Einigkeit (=Brüderlichkeit) und Recht (=Gleichheit) und Freiheit”. So gesehen wendet sich der Neoliberalismus oder auch Marktradikalismus gegen das Grundverständnis der Bundesrepublik Deutschland und ist damit im Grunde verfassungsfeindlich. Und noch etwas sei den Ideologen des Wettkampfes ins Stammbuch geschrieben: jede Ideologie ist ein Feind der Freiheit. Denn aus den eng begrenzten Handlungsmöglichkeiten, die eine Ideologie bietet, entstehen immer wieder Sachzwänge. Es gibt mit der ideologischen Brille betrachtet keine Alternative zu Hartz IV, zum Niedriglohnsektor, zur Rente mit siebenundsechzig oder zum Krieg in Afghanistan. Wer sich jedoch in den warmen Schoss des ideologischen Sachzwangs begibt, entledigt sich der Bürde der Verantwortung wie auch der Ungewissheit der freien Entscheidung. Wenn Ideologen Verantwortung übernehmen und von Freiheit reden kann man sicher sein, dass beides zum Nutzen einer bestimmten Klientel abgeschafft wird.

Von Wolfgang Buck