Arquivo da tag: Gedanken

Denkt er sich

Eigentlich könnt’ ich mir ja was anderes reinzieh’n.

Denkt er sich, während er in den Laden läuft, in der Schlange steht, sein Futter holt und sich hin pflanzt.

OK, is’ halt praktisch. Solang’ ich nich’ jeden Tag … Hör bloß auf. Und der da vorn? Guck dir den doch an. Was der auf’m Tablett hat. So wie der frisst. Du fette Sau. Nee, so bin ich nich’ drauf. Ich spar’ nur Zeit und weiß, was ich hier krieg’. Immer. Überall. Egal, wo ich bin. Is’ doch geil.

Denkt er sich, verputzt den Stoff, rülpst verhalten, lässt den Restmüll liegen und hechtet hinaus. Ein Furz droht an, sich quer zu setzen.

OK, mal seh’n.
Zieh’ mir morgen was anderes rein.

Denkt er sich.
Nicht wirklich.

Schon erstaunlich …

… wie sehr wir dazu neigen,
Euphorie und Glück
in einen Topf
zu werfen.

Von der Freude ganz zu schweigen.

Das ist doch mal was …

Sprühregen.
Ganz, ganz fies.
Unter 10 Grad.
So was von mies.

Kalte Ohren.

Ich wiederhole:
Kalte Ohren.

Und kalte Nasen.

Ich wiederhole:
Kalte Nasen.

Dicke Jacken.
Kunstfaser.
Baumwolle.
Alles da.

Kapuzen.
Handschuhe gar.

So was von kalt.
Doch gar nicht alt.

Frische Luft.
Frisch und klar.

Nicht für lang.
Das ist wohl wahr.

Datenstroh

Ausgedroschene Wörter und Sätze, frisch geerntet, digitales Geschwätzfutter, verbaler Dünger für Server, Bodenbelag und Heizmaterial für Medienställe.

Lesen

Wörtern beim Weben von Sätzen zusehen.

Autorenschaft

Jetzt mal ganz von vorn; mir ist gerade danach:

Geschriebenes wurde und wird geschaffen um gelesen zu werden. Dessen Quelle ist immer ein Autor, ergo ein Mensch, dessen Absicht darin besteht, uns etwas mitzuteilen, indem er es festhält – und zwar schriftlich. Wenn nun Texte gewisser Autoren die Zeit, in der sie entstanden sind, überdauern, dann wohl in erster Linie deshalb, weil sie nicht nur den Zeitgeist ihrer Entstehungsepoche wiederspiegeln, sondern darüber hinaus auch etwas vermitteln, das gleichwohl für nachkommende Generationen und Epochen relevant ist oder zu sein scheint.

So erklärt sich zum Beispiel – selbst in Zeiten wie diesen – der Reiz der Werke eines Genies wie Shakespeare. Allein dessen altertümlich wirkende und von daher exotisch anmutende Sprache mag uns schon in den Bann ziehen. Ginge es aber nur um die sprachlichen Ausdrucksformen seiner Epoche, das Bühnenbild und die Kostüme, so hätte Shakespeare nicht “überlebt”. Da ist noch etwas anderes, etwas, das “uns” mit “ihm” und seiner Zeit verbindet. Ein Begriff, um dieses “Phänomen” zu umschreiben, wäre die in bestimmten Kreisen so oft zitierte “conditio humana”. So viel hat sich da nämlich nicht geändert seit den Zeiten von Federkiel und Rüschenkragen – und davor; versetze sich ein jeder auf seine Art in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte zurück. “Wie es Euch gefällt.”

Na ja, auf solche Binsenweisheiten kann nun wirklich jeder einigermaßen klare Kopf kommen, möge er auch ansonsten zu Literatur keinen besonderen Draht haben. Kurz: der gute Shakespeare hatte es halt drauf, Dramen und Gedichte zu schreiben, die etwas über uns und das Leben aussagen, in das wir “geworfen” wurden, ganz unabhängig von der Zeit, in der wir leben. Obwohl in seinen Stücken auch historische Personen und reale Geschehnisse vorkommen, ging es ihm – also dem Autor – nicht nur um diese an sich, das sei jetzt einfach mal behauptet.

Falls dem so sei, warum sollte es sich da mit religiösen Texten anders verhalten – egal mit welchen? “Überlebten” sie nicht aus dem selben Grund, da sie ähnlich wie ein Werk von Shakespeare etwas “Wesentliches” zu vermitteln scheinen? Sind auch sie nicht schlicht und einfach das Werk von Autoren – egal, wie eigenartig und befremdend ihre Sprache zuweilen rüberkommen mag? Von Autoren, deren Inhalte selbst heutzutage noch in so vielen Köpfen derart “lebendig” sind, dass sie nach wie vor gelesen, zitiert, gedeutet, missdeutet und vergewaltigt werden?

Also, ich kann mir da wohl nicht helfen. Selbst wenn religiöse Texte “anderen Kalibers” zu sein scheinen, da älter, “ehrwürdiger”, inspirierender, polemischer, transzendenter, umfassender, weiser und widersprüchlicher als gar die Texte des besagten Genies, so sind auch sie nicht “vom Himmel gefallen”, sondern …

… geschrieben worden.

Und zwar von Menschen.

Kleine Gärtnerweisheit

Die Geste des Pflanzens ist,
wie die Alten wussten,
wir aber vergaßen,
die Ouvertüre zur Geste des Wartens.

Vilém Flusser

Touch it!

Tablets und Smartphones sind ja schon ganz nett und praktisch. Wer wollte das bestreiten? Abgesehen davon scheint mir deren Gebrauch aber auch eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf das Weltbild und damit auch auf das “allgemeine Befinden” ihrer Nutzer zu haben.

Der gute Michelangelo hätte vermutlich weniger Zeit mit Malen verbracht, wenn es damals schon Touchscreens gegeben hätte. Von anderen Auswirkungen moderner Kommunikationstechnik ganz zu schweigen. Es sei aber trotzdem zu vermuten, dass ein Genie wie er dennoch (unter diesen rein hypothetischen Umständen) von der symbolischen Wirkung einer Darstellung des “sich Herantastens an etwas Höheres” nach wie vor fasziniert gewesen wäre. Nur hätte er wohl andere Ausdrucksformen für diesen Gedanken gefunden. Adams (und Gottes) Finger hätte er vielleicht nicht gemalt. Er wäre sich ja selbst jedes Mal ein bisschen wie Adam (oder Gott) vorgekommen, wenn er eines dieser Geräte benutzt hätte.

Selbst jemand wie er wäre also wohl vor der Gefahr, sich elektronisch erzeugten Allmachtsphantasien hinzugeben, nicht ganz gefeit gewesen.

12.09.95: “Unternehmen” Auschwitz Reloaded

Ist schon erstaunlich, was man so alles im Internet “ausgräbt”, wenn man sich gezielt entsprechender Suchbegriffe bedient. In hiesigen Fall handelte es sich um einen Anflug von Nostalgie, gepaart mit dem nach wie vor sehr lebendigen Interesse an einem “Thema”, welches ernsthaft durch eine erste von zwei Fahrten an einen ganz bestimmten Ort geweckt wurde. Da hält man dann “das Ausgegrabene in Händen” und trifft nicht nur sich selbst und ehemalige Mitschüler in Form handgeschriebenener und später digitalisierter Texte wieder, sondern man setzt sich vor allem jenen Eindrücken und den damit einhergehenden Gedanken und Gefühlen erneut aus, welche einen dort vor 17 Jahren umtrieben und von denen das damals Geschriebene einen mehr als unzulänglichen Eindruck vermittelt:

Nach 9 Uhr nähern wir uns dem sogenannten Stammlager Auschwitz I. Vor dem Lagereingang befindet sich ein großer Platz: ein Massengrab mit 700 Toten, jenen Menschen, die die Befreiung durch die russische Armee nicht mehr erlebten, und jenen Menschen, die nach der Befreiung an den Folgen von Unterernährung und Mißhandlung noch gestorben sind. Mit einem erschreckenden Dokumentarfilm beginnt die Führung durch das Lager. Herr Jurek Demski ist ein lebendiges und leidenschaftliches Lexikon. Er führt uns – ständig kommentierend – durch die Ausstellung, die in den Blocks des Lagers verteilt ist. Information und persönlicher Eindruck sind eine Überdosis. Man kann zwangsläufig nicht alles behalten, was man hört und man ist erschlagen von dem, was man sieht.

Was ich immer noch vor mir sehe, ist ein großer Raum mit fast 2 Tonnen Menschenhaar hinter Glas. Haar, hauptsächlich von Frauen. Rohstofflieferant für Matratzen, Decken, Kissenfüllungen und besondere Arten von Strümpfen. Wohlgemerkt: Rohstoff. Ein bezeichnender Zwischenfall: Unsere Führung redet von der Häftlingsfeuerwehr. Irgend jemand räuspert sich: “Werksfeuerwehr”. Kein Kommentar! Nachmittags bestand die Möglichkeit zum Besuch der Länderausstellungen im Museum. Ich nehme sie nicht wahr. Abends. Man kann darüber streiten, ob es geschmackvoll war, zu grillen und über den Konsum von Bier eine Atmosphäre zu schaffen, die es gestattete, den Tag zu verdrängen.

Itaim-Bibi

Der erste Eindruck war nicht gerade berauschend. Ein gesichtsloses Viertel der sogenannten “gehobenen Mittelklasse”. Vor allem die “famosen” Restaurants haben mich wenig interessiert. Nicht nur wegen der Preise. Ich fand (und finde) das Ganze ziemlich versnobt oder, besser gesagt, einfach fútil.

Ich vermute, dass Itaim-Bibi seine erste, richtige Blütezeit Ende der Sechziger oder im Verlauf der Siebziger erlebt hat. Familien aus der einfachen Mittelschicht kamen zu Wohlstand und viele von denen konnten sich plötzlich große Appartments leisten. Das geht mir jedenfalls durch den Kopf, wenn ich gewissen älteren Damen oder Herren auf der Straße, im Supermarkt und sonstwo begegne, die mittlerweile von ihrer Rente zehren, immer noch in den besagten Appartments wohnen und sich wohl gerne an jene “guten Zeiten” erinnern, in denen sie hier ansässig wurden und in der die ersten, “anspruchsvolleren” Wohnkomplexe entstanden. Momentan erlebt das Viertel wieder einen Boom – wohl seinen letzten. Wo noch Platz ist, wird geplant, abgerissen und gebaut, was Markt und Grundstücke noch herzugeben imstande sind.

Obwohl hier eine ganze Menge gutsituierter Familien wohnt, kann man nicht gerade behaupten, dass sich deren Sprößlingen viele Möglichkeiten bieten. Von Parks und Spielplätzen keine Spur. Dem Nachwuchs bleibt nur die Wahl, sich auf den gesicherten Grundstücken der Wohngebäude zu tummeln. Auf der Straße zu spielen oder Fahrrad zu fahren ist undenkbar. Der gnadenlose Verkehr lärmt sich den ganzen Tag über durch die Blocks. Dementsprechend teuer sind auch die wenigen Krippen, Kindergärten und Schulen. Und das nicht, weil sie pädagogisch besonders wertvolle Arbeit leisten würden.

Warum also? Na?

Genau: weil sie halt in Itaim-Bibi sind.

Teuer sind auch viele andere Geschäfte und Dienstleistungen. Von der Modeboutique über den Supermarkt bis zum einfachen Haarschnitt. Wer hier wohnt, sollte sich auf jeden Fall ein wenig umtun und Preise vergleichen. Wer aber auf teuren Schnickschnack steht, ist wiederum genau richtig. Wem die Brieftasche locker sitzt, der kann sich hier mit allem möglichen Zeug eindecken. Und später in einem der Nobel-Restaurants bei einem gepflegten Roten über den Sinn des Lebens nachdenken.

Soweit der erste Eindruck, denn ganz so schlimm ist es dann nun doch wieder nicht.

Wer sich nämlich erst mal mit dem Viertel vertraut gemacht hat, kommt man auch damit zurecht, irgendwie … Man arrangiert sich und findet sie, jene kleine Handvoll guter und günstiger Restaurants. Oder einen fähigen Friseur mit vernünftigen Preisen. Oder freundliche Geschäftsinhaber, die sich auskennen. Oder einige wenige Bäckereien, wo man am Wochenende in angenehmer Atmosphäre an der Straße sitzen, einen Kaffee genießen und sich unter die Leute mischen kann. Überhaupt, wer die stressfreie Seite kennen lernen möchte, der sollte sich das Viertel an einem Samstagnachmittag oder an einem Sonntag zu Gemüte führen. Da geht’s dann schon wesentlich ruhiger zu. Man trifft viele Anwohner mit Kind und Kegel, Hund und Freundin, also im Grunde eine ganze Menge Leute, die wohl genau eben solche Momente doch zu schätzen scheinen, da sie in diesen Stunden immerhin den Versuch wagen, ihre Arbeitswelten und Termine und Verabredungen und Sonstiges für ein Weilchen hinter sich zu lassen.

Trotzdem: wer nicht irgendwann wieder von hier wegzieht, dem ist nicht mehr zu helfen.