Arquivo da tag: Geschichte

Ehrenhof-Drohne

Ja, so ist das, das eine wird einem peinlich und aufgearbeitet und das andere gilt als Tradition und muss wieder auferstehen aus gesprengten Ruinen. Gespenstisch mag das vor allem anderen Europäern erscheinen, denn Deutschland diktiert wieder Sparpläne und Ziele und ist reich genug, Schlösser zu bauen – wenn ich mich nicht irre, sogar den größten Schlosskomplex in Europa.

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Diese neue Fassade in Berlin kaschiert nur jede Menge Beton, überzogene Kostenrahmen und vielleicht später auch den ein oder anderen Skandal BER’schen Ausmaßes. Es ist kein Feudalismus, der da mit keiner bürgerlichen Attitüde errichtet wird, es ist, mit Verlaub, eigenartig. Außer ein paar handelsüblichen Subventionsmissbräuchen werden wir nichts dahinter zu verbergen haben, was nicht ohnehin schon laufend öffentlich geschieht. Und den Mut, die einzige Euro Hawk Drohne in den Ehrenhof zu stellen, statt sie in Manching verrotten zu lassen, werden Sie vermutlich auch nicht haben, selbst wenn die noch weniger Sinn als die Fassade machte, und so als Entschuldigung herhalten könnte.

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Immerhin, ein Solitär der deutschen Baugeschichte wird es zweifellos sein. Die Kunstgeschichte wird später natürlich rätseln, wie man das bezeichnen soll: Gesunkenes, niedergebombtes und auf niedrigem Niveau wiederaufgebautes Kulturgut vielleicht? Zweite Wilhelminische Epoche? Oder einfach nur die Architektur des Traumas?

Don Alphonso

P.S.:
Kleiner Nachtrag, von anderer Seite:
Die Verteufelung von Beton und Brutalismus ist die Kehrseite des Altbauhypes und der Berliner Schlossrekonstruktion: Man will zurück in die Zeit vor Hitler und vor Massendemokratie. Stuck als Vermeidungsstrategie.

12.09.95: “Unternehmen” Auschwitz Reloaded

Ist schon erstaunlich, was man so alles im Internet “ausgräbt”, wenn man sich gezielt entsprechender Suchbegriffe bedient. In hiesigen Fall handelte es sich um einen Anflug von Nostalgie, gepaart mit dem nach wie vor sehr lebendigen Interesse an einem “Thema”, welches ernsthaft durch eine erste von zwei Fahrten an einen ganz bestimmten Ort geweckt wurde. Da hält man dann “das Ausgegrabene in Händen” und trifft nicht nur sich selbst und ehemalige Mitschüler in Form handgeschriebenener und später digitalisierter Texte wieder, sondern man setzt sich vor allem jenen Eindrücken und den damit einhergehenden Gedanken und Gefühlen erneut aus, welche einen dort vor 17 Jahren umtrieben und von denen das damals Geschriebene einen mehr als unzulänglichen Eindruck vermittelt:

Nach 9 Uhr nähern wir uns dem sogenannten Stammlager Auschwitz I. Vor dem Lagereingang befindet sich ein großer Platz: ein Massengrab mit 700 Toten, jenen Menschen, die die Befreiung durch die russische Armee nicht mehr erlebten, und jenen Menschen, die nach der Befreiung an den Folgen von Unterernährung und Mißhandlung noch gestorben sind. Mit einem erschreckenden Dokumentarfilm beginnt die Führung durch das Lager. Herr Jurek Demski ist ein lebendiges und leidenschaftliches Lexikon. Er führt uns – ständig kommentierend – durch die Ausstellung, die in den Blocks des Lagers verteilt ist. Information und persönlicher Eindruck sind eine Überdosis. Man kann zwangsläufig nicht alles behalten, was man hört und man ist erschlagen von dem, was man sieht.

Was ich immer noch vor mir sehe, ist ein großer Raum mit fast 2 Tonnen Menschenhaar hinter Glas. Haar, hauptsächlich von Frauen. Rohstofflieferant für Matratzen, Decken, Kissenfüllungen und besondere Arten von Strümpfen. Wohlgemerkt: Rohstoff. Ein bezeichnender Zwischenfall: Unsere Führung redet von der Häftlingsfeuerwehr. Irgend jemand räuspert sich: “Werksfeuerwehr”. Kein Kommentar! Nachmittags bestand die Möglichkeit zum Besuch der Länderausstellungen im Museum. Ich nehme sie nicht wahr. Abends. Man kann darüber streiten, ob es geschmackvoll war, zu grillen und über den Konsum von Bier eine Atmosphäre zu schaffen, die es gestattete, den Tag zu verdrängen.

Das nächste Buch?

Keine Ahnung. Ein kleines, in den Regalen versprengtes Häufchen an- und ungelesener Bände buhlt noch um meine Gunst.

 

Was Israel mit Heine zu tun haben könnte …

Wie immer man die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland in den ersten Jahrzehnten unseres [des 20.] Jahrhunderts beurteilen mag, unbefangen und natürlich waren sie niemals und konnten es wohl auch nicht sein. Dass diese tief verwurzelte Befangenheit nach allem, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, auf ungeheuerliche Weise steigen musste, bedarf wohl keiner Begründung.

Wo aber eine im Grunde unfassbare Hypothek die Beziehungen zwischen den Menschen belastet, wo man sich also Unbefangenheit überhaupt nicht mehr vorstellen kann, da hat der Ruf nach Brüderlichkeit einen fatalen Beigeschmack und wird schlechterdings unglaubhaft. Ich frage mich oft, woher jene, die alljährlich die Brüderlichkeit fordern, den Mut dazu nehmen. Nicht der Heuchelei verdächtige ich sie, wohl aber der Weltfremdheit. Wer die Brüderlichkeit predigt, beruhigt vielleicht sein Gewissen, erreicht jedoch gar nichts. Denn mit der Brüderlichkeit ist es wie mit der Liebe: Sie lassen sich weder erbitten noch gar verfügen.

Muss es denn überhaupt gleich Liebe und Brüderlichkeit sein? Fairness und gegenseitiges Verständnis – das mögen bescheidene Ziele sein, aber sie sind auch realer und eher unserer Zeit angemessen. Wichtiger als die feierliche Beteuerung ist die sachliche Aufklärung. Man höre auf zu lamentieren und versuche zu informieren. Statt die Kollektivscham zu fordern und statt die Brüderlichkeit zu predigen, was niemand mehr ernst nimmt, versuche man – und das ist gewiss schwieriger – die Intoleranz und die Rücksichtslosigkeit zu bekämpfen.

Marcel Reich-Ranicki, “Über Ruhestörer – Juden in der deutschen Literatur”, DVA, 1989