Arquivo da tag: Gesellschaft

Über den Zweck der Kleidung

Also, jetzt mal ganz von vorn:

Eine Kleidung ist schon immer das gewesen, was sie auch heute noch ist. Sie schützt nicht nur, sie ist Kultur, sie signalisiert die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und sie ist – natürlich – darüber hinaus auch eine Form des Zur-Schau-Stellens persönlicher oder kollektiver Eitelkeiten.

So weit, so gut.

Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass ihre Zweckentfremdung im Kontext der Globalisierung neue Auswüchse angenommen hat und dass deren negative Folgen nicht von der Hand zu weisen sind.

Zum Trost sei angemerkt, dass selbst in Zeiten mulitinationaler Logos niemand vor Überraschungen gefeit ist und es nach wie vor auch Formen positiver Zweckentfremdung geben kann. So zum Beispiel dann, wenn Hipster und Muslime die Klamotten tauschen:

hipstermuslims

Da wird was knapp …

… aber das mag Euch wenig jucken. Euch dort in Europa. – Uns aber schon.

Und selbst hiesige Dumpfbacken werden dann ihren Kopf in Kürze nicht mehr in den Sand stecken können. Geschweige denn unter die Dusche.

Und das juckt dann umso mehr.

Fachtermini

Fachtermini müssen sein. Sie fördern das Ego und schaffen oft sogar strategische Vorteile. Jeder Privatarzt, der die sowieso schon überhöhte Rechnung für den ahnungslosen Patienten pimpen will, weiß das. Jeder Gasetagenheizungswarter, der noch ein Ersatzteil mehr auf die sowieso schon lange Liste setzen will, weiß das auch. Jeder sadistische Bezirksamtsbürokrat erst recht. Jeder Marketingwichser. Jeder Automechaniker. Baumarktmitarbeiter. Sternekoch. Banker. Alle ballern mit Fachsprache um sich, dass es eine wahre Freude ist. Je mehr desto klug. Und je dümmer der Kunde desto Kohle weg. Binse. Eine bekannte.

via kiezneurotiker

Der Mutter zur Hand

Der Mann als Vater hat ganz offensichtlich in den Augen gewisser Männer und Frauen keine eigene, selbstständige Beziehung zu seinem Kind. Er „geht der Mutter zur Hand“, wenn er das Kind betreut. Wäre ich ein Mann, so machte mich ein solch vergiftetes Lob unglaublich wütend. Warum ist es für diese Leute offenbar unmöglich, die Beziehung eines Mannes zu seinem Kind, seine Vaterschaft, als etwas Eigenständiges und Wertvolles anzuerkennen, das nicht durch die Mutter vermittelt ist und werden muss?

Um weitere Missverständnisse auszuschließen: Ich vertrete hier nicht die Position derjenigen, die lautstark „Väterrechte“ einklagen (nicht selten verbunden mit Tiraden gegen den “Feminismus”, von dem sie keine Ahnung haben). Gerade die Reduktion der Vaterschaft auf das „Recht am Kind“ ist Teil der symbolischen Ordnung, die Männer von ihren Kindern und ihrer Vaterschaft entfremdet. Wo der Vater seine Beziehung zum Kind als „Hilfskraft“ der Mutter beginnt, muss es zwangsläufig zu jenem Entfremdungsprozess kommen, der in so vielen schmerzlichen Fällen dazu führt, dass Vater und Kind einander verlieren. Männer also müssten meiner Überzeugung nach darauf beharren, dass ihre Vaterschaft in der Öffentlichkeit, im Berufsleben und im sozialen Umfeld als bedeutender Einschnitt anerkannt und gewürdigt wird. Es braucht Bilder vom Vater, der nicht weiter am Rande steht, wie Joseph (der sich zu einer Vaterschaft bekannte, obwohl er nicht gezeugt hatte) auf jedem traditionell ikonographischen Bild der “Heiligen Familie”. „Der Vater und das Kind“ – diese Beziehung müsste viel häufiger dargestellt, in ihrer Vielfalt erzählt und gedeutet werden, um die symbolische Ordnung zu ändern. Das Problem als Rechtsfrage zu betrachten, führt dagegen in die Sackgasse, weil es die Beziehung zum Kind weiterhin und vor allem als Machtfrage denkt. Das weist nur zurück auf jenem „abwesenden Vater“, der das „Gesetz des Vaters“ symbolisiert, aber beziehungsunfähig und lieblos bleibt.

Jutta S. Pivecka

Zwanghaft

Da regt man sich eher auf, wenn man schneller als 120 fährt; bei einigen ist es umgekehrt, die regen ständig auf, vor allem Andere, die können nicht anders und müssen daher auch schneller als 120 dürfen.

Memento Mori

Aufgekratzt und verärgert kam meine Frau heute Abend von einem langen Besuch bei einer Cousine zurück, deren Mann vor zwei Tagen kurz nach einer Operation völlig unerwartet verstorben war. Für meine Frau und meine Schwiegermutter war dieser Besuch etwas Selbstverständliches – und das nicht nur aus familiären Gründen oder weil sie eben eingeladen wurden. Persönlich kann ich das gut nachvollziehen, das Paar ist mir selbst in guter Erinnerung; die wenigen Besuche, bei denen ich Gelegenheit hatte, die beiden kennen zu lernen, zeugten nicht nur von einer hierzulande üblichen Gastfreundschaft, sondern darüber hinaus auch von jener Entspanntheit im Umgang mit anderen, welche eher seltener anzutreffen ist.

Es begann als familiärer und freundschaftlicher Besuch, als ein Beistehen, ganz unverkrampft. Frau und Schwiegermutter “erlebten” als einzige Besucher die Witwe in allen Facetten. sie weinte, sie schimpfte und nach einiger Zeit lachte sie sogar. Trauer hat viele Gesichter.

Es endete als etwas ganz anderes und hier liegt auch der Grund für die Gereiztheit meiner Frau, so wie ich sie jetzt in Erinnerung habe, als sie zur Tür hereingekommen war, bevor sie mir obiges und folgendes erzählte:

Irgendwann, inmitten all dessen, klingelte das Telefon. Jemand erkundigte sich nach dem Befinden der Trauernden und ludt sich ein, vorbeizukommen. Bekannte, ein mit der Witwe “befreundetes” Paar. Die Betroffene, schon ein wenig dem Rotwein zugetan, gab dem Ersuchen nach.

Das Erscheinen dieser Leute muss wie ein Schnitt gewesen sein. CUT. Nichts Freundschaftliches mehr, nichts Familiäres. Von einem Moment zum anderen verwandelte deren plötzliche Gegenwart alles in ein absurdes, verkrampftes Bühnenspiel.

Das “befreundete” Paar erschien überraschenderweise mit Anhang: einem mageren Typen mit Bart und einer dicklichen Kollegin, beide “ihres Zeichens” Psychoanalytiker und beide im fortgeschrittenen Alter. Die Cousine hatte gerade eine Kerze zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten angezündet, als der ganze Tross durch die Tür hereinkam. Eben wegen der Kerze handelte sich die Witwe dann auch prompt einen ersten kühlen, fast zynischen Blick des graubärtigen Alten ein. Nachdem es sich das ganze Volk dann bequem gemacht hatte, fing selbiger an zu reden und hörte nicht mehr auf. Er schwadronierte über den Holocaust, irgendeinen italienischen Philosophen, Lacan und anderes. Er war nicht mehr zu halten und die Witwe hörte seinem Gelaber zu und auch wieder nicht. Sie hatte aufgehört zu weinen, zu schimpfen und zu lachen. Zuweilen, wenn der Meister es gestattete oder einfach nur Luft holen musste, nutzte sie die Lücken um ihrerseits sinnlos drauflos zu quatschen. Woran der Alte wiederum seinen stillen, perversen Spass gehabt haben dürfte.

Meiner Frau lag es auf den Lippen, ihn zurecht zu weisen. Sie wusste nur nicht wie. Sie fühlte sich wie die Gefangene in einer Blase. In der Blase eines Schwätzers. Und dann kam die Wut in ihr hoch, wie dieser selbstgefällige Pavian es wagen konnte … und mit der Wut auch die Frage, weshalb er freies Spiel hatte ..

Meine Frau und meine Schwiegermutter sind nun wirklich nicht immer einer Meinung. Am heutigen Abend waren sie es dafür aber um so mehr. Zunächst in Form eindeutiger Blicke im Wohnzimmer der Witwe und später dann in kurzen, klaren Worten auf dem Weg nach Hause.

Memento mori, du Arsch!

“Zero Tolerance” auf Brasilianisch

Von Glauco Cortez
Übersetzung: Peter Hilgeland

Nach fast 20 Jahren Regierungsverantwortung der PSDB im brasilianischen Bundesstaat São Paulo steigt die Anzahl der Morde weiterhin an. Es ist das Ergebnis eines urbanen Krieges zwischen der Polícia Militar und organisierten Drogenbanden. Man bedenke: Die Generation derjenigen, die heute gezielt Polizisten töten, wurde also zu einer Zeit geboren, in der die PSDB dort an die Macht kam.

Gouverneur Geraldo Alkmin ist als eines ihrer medialen Aushängeschilder für eine politische Ausrichtung mitverantwortlich, deren praktische Umsetzung von seiner Partei in São Paulo vorangetrieben wird. “Wir werden die Banditen mit Härte bekämpfen, sie werden uns nicht einschüchtern, Banditen gehören in den Knast.” So oder ähnlich pflegt er sich wöchentlich in den Medien zu äußern.

Dementsprechend gestaltet sich auch die Sicherheitspolitik seiner Regierung. Der Hardliner-Diskurs würde wohl noch besser greifen, wenn es möglich wäre, Elemente des Rechtsstaates zu verwässern und der Polícia Militar dadurch einen Freibrief zum Töten auszustellen. Für manche in Alckmins Partei wäre dies wohl ein akzeptabler Weg, um Gewalt erfolgreich zu bekämpfen. Nicht von ungefähr nominierte die PSDB Kandidaten für die vor kurzem gelaufenen Kommunalwahlen, deren Motto klarer nicht sein könnte: “Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.”

Angesichts der Tatsache, dass ein weiterhin rigides Vorgehen wenig Aussicht auf Erfolg zu haben scheint und darüber hinaus die Rückkehr zu einer Politik jenes Staatsterrors einleitet, wie er noch aus den Zeiten der Diktatur bekannt ist, manövriert sich Alckmins Partei hier in eine bedenkliche Lage. Dabei ist es offensichtlich, dass die “Strategie” der PSDB nicht greift. Die Situation hat sich nämlich in den fast zwanzig Jahren ihrer Regierung nur verschlechtert. Was ihr noch bleibt, ist das Schönreden von Gewaltstatistiken.

Der Polizei sei also empfohlen, weniger Gebrauch von der Schusswaffe zu machen und sich stattdessen mehr auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Die von der PSDB geführte Regierung handelte den Beamten nämlich einen ziemlich perversen, urbanen Krieg ein. Als Uniformierte haben sie es in den Städten mit nicht uniformierten, organisierten Kriminellen zu tun und werden dadurch zu einem leichten Ziel für Gewalt.

Dabei geht es nicht nur um die rechtspopulistischen Sprüche so mancher Konservativer, auch nicht so sehr um politische Unfähigkeit und Ignoranz, sondern vor allem um das wässrige, gescheiterte Konzept, die Bekämpfung des Drogenkonsums zu einer reinen Polizeiangelegenheit zu machen. [Ganz abgesehen von den Spezialkommandos, die unter anderem für die sogenannte “Crowd and Riot Control” zuständig sind]. – Es ist an der Zeit, dass endlich alternative Modelle zur Eindämmung dieses Problems in der brasilianischen Öffentlichkeit zur Sprache gebracht werden.

Quelle: Alexandre Vieira (flickr.com)

Wie viele Drogentote machten eigentlich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen? Ich erinnere mich noch an Cássia Eller, das war 2001, sonst aber an niemanden. Im Gegensatz dazu sei gefragt: Wie viele Menschen sind eigentlich nur in dieser Woche an den Folgen eines verdeckten Bürgerkrieges gestorben? Dutzende? Vielleicht sogar hunderte? Eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Problem ist dringend erforderlich, ohne Vorurteile, ohne Mystifizierung und ohne Tabus. Ein Festhalten an diesem Krieg ist nicht tragbar. Die Polizeiangehörigen und deren Familien haben es nicht verdient, in bürgerkriegsähnliche Zustände hineingezogen zu werden.

Räumung des Viertels Pinheirinho, Januar 2012. – (Quelle nicht bekannt)

Weshalb kapieren diese [selbsternannten] Genies von der PSDB eigentlich nicht, dass es um gerechte Einkommensverteilung geht, dass in die städtischen Randgebiete investiert werden muss und dass die öffentlichen Schulen dringend mehr finanzielle Mittel benötigen?

Die Zwangsräumung des Viertels Pinheirino mag einen Eindruck dessen vermitteln, was da noch so von der PSDB [und anderen Parteien] unter “Sicherheitspolitik” verstanden werden könnte, nämlich – wie in diesem Fall – die [sehr kurzfristig angekündigte] Vertreibung armer Teile der Bevölkerung aus ihren Behausungen [das weitläufige, verlassene Gelände wurde seit 2004 von obdachlosen Familien besetzt], um es einem Spekulanten zugänglich machen zu können.

Wer arm ist, gilt nun mal als potentieller Verbrecher …

Während all dieser Jahre war die PSDB nicht dazu in der Lage [oder nicht willens?], staatliche Strukturen zu schaffen, die beispielsweise ihren Teil dazu hätten beitragen können, die wahren Ursachen für die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen durch Drogenbanden einzudämmen.

Solange es keine umfangreiche Bildungs- und Sozialpolitik gibt und solange keine wirklich sachliche Auseinandersetzung über Drogen statt findet, ist ein Ende dieses Krieges nicht absehbar.

Glauco Cortez ist Sozialwissenschaftler, Journalist und Autor mehrerer Sachbücher.

Dampf ab!

Und dann ist ihm der Kragen geplatzt: “Ich kann es nicht mehr hören. Die Scheiße. Diese ganze Scheiße. Von denen, die drauf sind. Egal auf was. Scheiß Säufer. Scheiß Pillenfresser. Was die tun. Was die reden. Das ewige Jammern. Das Instrumentalisieren. Um an Nachschub zu kommen. Natürlich. Was denn sonst. Weiter reicht der Horizont ja nicht. Auch wenn sie über Gott und die Welt quatschen. Jammern. Besser gesagt. Wegmachen. Darum gehts doch immer. Die ganze Scheiße. Die Gewalt. Die Kacke. Die Idioten. Trau keinem, der drauf ist. Und nimm nichts von dem Ernst, was er sagt. Ist eh alles gelogen. Oder Schwachsinn. Die wollen Sprit. Stoff. Darum dreht es sich. Dafür tun die alles. Idioten. Vollidioten. Nur saufen, saufen, saufen, saufen. Oder Stoff, Stoff, Stoff. Scheißegal. So ist es doch. Arschlöcher.”

Cut, so ist es.

Zwischen allen Stühlen?

Ob ich der einzige bin, der nicht so recht weiß, was von der ganzen “Beschneidungsdebatte” zu halten ist? Das ist wohl nicht der Fall. Mir persönlich fällt ein eindeutiges “Ja” oder “Nein” dazu jedenfalls eher schwer. Ganz abgesehen davon, dass diese Diskussion “aus der Ferne betrachtet” schon ein wenig skurril wirkt: in den brasilianischen Medien ist dieses Thema nämlich nicht von “öffentlichem Interesse”. Wie dem auch sei, mir passiert immer das Gleiche, egal ob ich nun Argumente von Befürwortern oder von Gegnern dazu lese oder höre; meine Reaktion auf deren in den meisten Fällen vehement vorgetragene Statements ist nur zu oft ein “Ja, aber …”, es scheint mir, dass beide “Lager” sowohl recht als auch unrecht haben mögen.

Der Unwille, mich einem “Lager” konsequent anzuschließen und die damit verbundene “innere Zerissenheit” spiegelt sich treffend in folgen Auszügen einer Diskussion wieder, die man auf einem “Psycho-Blog” in voller Länge einsehen kann – (ganz abgesehen von einer Menge anderer Beiträge und Links). Der erste Auszug stammt von Frank Werner Pilgram, einem sogenannten “Gegner”, dem ich schon zu Anfang des zitierten Abschnitts zustimme, denn …

… jeder Kult, der in Frage gestellt werden kann, hat seine ursprüngliche, kollektive Verbindlichkeit bereits verloren und verfällt dem Anachronismus. Deshalb wird er von seinen Parteigängern um so trotziger und blutiger behauptet. Aus der Notwendigkeit, leidvolle Trennungen (wie die von der Mutter) zu symbolisieren, konstruieren sie sich die Rechtfertigung einer Überbietung durch Opfer – statt deren zivilisierende Übersetzung und Sublimierung zu befördern. Da wird Kunst schlicht mit Kult, aus dem sie zwar kommt, über den sie aber wesentlich und qualitativ durch die sukzessive Aufhebung der Opfer hinausgeht, verwechselt und kurzgeschlossen. […] Am Ende läuft es dann doch nur auf die alte, simple Identifikation mit dem Aggressor hinaus, über die viele in ihrem Leben eben nicht hinauskommen: das Trauma, das ihnen in passiver Position angetan wurde, aktiv weiterzugeben.

Insofern ist es vielleicht gar nicht schlecht, daß heute zu diesem Anlaß und in unserem Gemeinwesen „keine 10 Männer zusammenzubringen sind“, denn deren ebenso homophobe wie verdrängt homophile Bündelei ist es ja vor allem, die mit solch affirmativ aufgefaßten Abraham-Isaak-Unterwerfungen installiert werden soll. Liegt doch der progressive Sinn dieser alttestamentarischen Geschichte nicht in ihrer kultisch-initiatorischen pars pro toto Re-Inszenierung, sondern in der Opfersubstitution, die dort zugunsten einer gesetzlichen Ordnung ermöglicht wird. In den Worten prophetischer Kritik: „Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6.6) Unnötig zugefügter, zumal früher Schmerz bildet Kriegergesellschaften, keine human-erotischen Zivilisationen.

Wenn schließlich in der berechtigten Kritik der medizinisch-medialen Rationalisierung noch die Phantasie eines ‚Geburtsfilmchens’ herhalten muß, um die sadistisch ausgeübte Praxis der Beschneidung als unumgänglichen Akt der Subjekt- und Kulturbildung zu rechtfertigen, offenbart dies in der Tat einen misogynen Platonismus, der die sterbliche, verletzliche Leiblichkeit haßt und, weil dies glücklicherweise so nicht mehr ganz gesellschaftsfähig ist, ersatzweise auf den Rechtspositivismus, der sich erdreistet hat, jene zu schützen, einschlägt.

Aber, “und da haben wir den Salat”, auch die Antwort eines gewissen Karl-Josef Pazzini hat es in sich. Sie versucht, auf etwas einzugehen, dass meiner Meinung nach in der ganzen Debatte zu oft übersehen wird, nämlich die eigentlichen Ursachen für die Beschneidung und mögliche Faktoren, welche – jenseits aller religiös motivierten Begründungen – die Aufrechterhaltung dieser Praxis begünstigen könnten. Außerdem zweifelt Herr Pazzini an der Wirksamkeit rechtlicher Verbote, da …

… es nicht an sich ein Fortschritt in der Menschlichkeit ist, wenn die Beschneidung abgeschafft wäre. Nähmen wir es für ein „Symptom“, dann müssten wir doch konzedieren, dass es sich um eine kreative Lösung eines Konfliktes handelt. Was ist der Konflikt, für was ist die Beschneidung eine Lösung? Ein „Symptom“ bekommt man nicht durch Richtersprüche aus der Welt oder auch nicht durch Vulgärrationalismus.

Ein Symptom ist verflochten mit einem Kontext; das direkte Angehen eines Symptoms bringt (psychoanalytisch gedacht) in der Regel nichts. Und zu dem hier zu verhandelnden „Symptom“ gehört doch auch, dass es bei Semiten auftaucht. Gegen die einen gab es Kreuzzüge, gegen die anderen den Versuch der Vernichtung mitten in Europa. Entgleiste Grausamkeit, Gewalttätigkeit. Und gerechtfertigt wurde das z.T. mit deren Unmenschlichkeit, Minderwertigkeit, Grausamkeit.

[…]

Ich halte die Beschneidung nicht für notwendig. Für notwendig halte ich die kulturelle, gesellschaftliche Auseinandersetzung damit, was meinem Erkenntnisstand nach vermutlich durch Beschneidung symbolisiert wird.

[…]

Machen sich Muslime und Juden „festlich brutal“ über ihren Nachwuchs her? Wollten Sie das sagen? Dann würde ich sagen, dass mir dererlei „Argumente“ bekannt vorkommen.

Pro hin, Kontra her, es wäre zu wünschen, dass alle “Beteiligten” und damit vor allem auch die “offiziellen Medien” sich des Themas mehr auf solch konstruktive Art und Weise annehmen würden wie es die oben Zitierten tun.

(Un-)freundliche Vereinnahmung

Was die insgesamt zu beobachtende Zunahme der traditionell christlich überformten Ritualisierung angeht, könnte man mit den Schultern zucken und auf die nächsten Generationen hoffen. Das ist die optimistische Sicht der Dinge – allerdings bleibt die Sorge berechtigt, dass die neuen, alten Rituale in Wirklichkeit nur eine Angstreaktion auf eine zerbröselnde Gesellschaft sind. Schüler mit ein bisschen Kreationismus, Strafarbeiten, dem Vaterunser und naiv-delirösen Gesängen auf die Realität dieser Gesellschaft vorbereiten zu wollen – das ist in jedem Fall eine Kette peinlicher Vorfälle.

Markus Hammerschmidt über religiöse Auswüchse an einer staatlichen Grundschule.