Arquivo da tag: Gewalt

“Zero Tolerance” auf Brasilianisch

Von Glauco Cortez
Übersetzung: Peter Hilgeland

Nach fast 20 Jahren Regierungsverantwortung der PSDB im brasilianischen Bundesstaat São Paulo steigt die Anzahl der Morde weiterhin an. Es ist das Ergebnis eines urbanen Krieges zwischen der Polícia Militar und organisierten Drogenbanden. Man bedenke: Die Generation derjenigen, die heute gezielt Polizisten töten, wurde also zu einer Zeit geboren, in der die PSDB dort an die Macht kam.

Gouverneur Geraldo Alkmin ist als eines ihrer medialen Aushängeschilder für eine politische Ausrichtung mitverantwortlich, deren praktische Umsetzung von seiner Partei in São Paulo vorangetrieben wird. “Wir werden die Banditen mit Härte bekämpfen, sie werden uns nicht einschüchtern, Banditen gehören in den Knast.” So oder ähnlich pflegt er sich wöchentlich in den Medien zu äußern.

Dementsprechend gestaltet sich auch die Sicherheitspolitik seiner Regierung. Der Hardliner-Diskurs würde wohl noch besser greifen, wenn es möglich wäre, Elemente des Rechtsstaates zu verwässern und der Polícia Militar dadurch einen Freibrief zum Töten auszustellen. Für manche in Alckmins Partei wäre dies wohl ein akzeptabler Weg, um Gewalt erfolgreich zu bekämpfen. Nicht von ungefähr nominierte die PSDB Kandidaten für die vor kurzem gelaufenen Kommunalwahlen, deren Motto klarer nicht sein könnte: “Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit.”

Angesichts der Tatsache, dass ein weiterhin rigides Vorgehen wenig Aussicht auf Erfolg zu haben scheint und darüber hinaus die Rückkehr zu einer Politik jenes Staatsterrors einleitet, wie er noch aus den Zeiten der Diktatur bekannt ist, manövriert sich Alckmins Partei hier in eine bedenkliche Lage. Dabei ist es offensichtlich, dass die “Strategie” der PSDB nicht greift. Die Situation hat sich nämlich in den fast zwanzig Jahren ihrer Regierung nur verschlechtert. Was ihr noch bleibt, ist das Schönreden von Gewaltstatistiken.

Der Polizei sei also empfohlen, weniger Gebrauch von der Schusswaffe zu machen und sich stattdessen mehr auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen. Die von der PSDB geführte Regierung handelte den Beamten nämlich einen ziemlich perversen, urbanen Krieg ein. Als Uniformierte haben sie es in den Städten mit nicht uniformierten, organisierten Kriminellen zu tun und werden dadurch zu einem leichten Ziel für Gewalt.

Dabei geht es nicht nur um die rechtspopulistischen Sprüche so mancher Konservativer, auch nicht so sehr um politische Unfähigkeit und Ignoranz, sondern vor allem um das wässrige, gescheiterte Konzept, die Bekämpfung des Drogenkonsums zu einer reinen Polizeiangelegenheit zu machen. [Ganz abgesehen von den Spezialkommandos, die unter anderem für die sogenannte “Crowd and Riot Control” zuständig sind]. – Es ist an der Zeit, dass endlich alternative Modelle zur Eindämmung dieses Problems in der brasilianischen Öffentlichkeit zur Sprache gebracht werden.

Quelle: Alexandre Vieira (flickr.com)

Wie viele Drogentote machten eigentlich in den letzten 10 Jahren Schlagzeilen? Ich erinnere mich noch an Cássia Eller, das war 2001, sonst aber an niemanden. Im Gegensatz dazu sei gefragt: Wie viele Menschen sind eigentlich nur in dieser Woche an den Folgen eines verdeckten Bürgerkrieges gestorben? Dutzende? Vielleicht sogar hunderte? Eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Problem ist dringend erforderlich, ohne Vorurteile, ohne Mystifizierung und ohne Tabus. Ein Festhalten an diesem Krieg ist nicht tragbar. Die Polizeiangehörigen und deren Familien haben es nicht verdient, in bürgerkriegsähnliche Zustände hineingezogen zu werden.

Räumung des Viertels Pinheirinho, Januar 2012. – (Quelle nicht bekannt)

Weshalb kapieren diese [selbsternannten] Genies von der PSDB eigentlich nicht, dass es um gerechte Einkommensverteilung geht, dass in die städtischen Randgebiete investiert werden muss und dass die öffentlichen Schulen dringend mehr finanzielle Mittel benötigen?

Die Zwangsräumung des Viertels Pinheirino mag einen Eindruck dessen vermitteln, was da noch so von der PSDB [und anderen Parteien] unter “Sicherheitspolitik” verstanden werden könnte, nämlich – wie in diesem Fall – die [sehr kurzfristig angekündigte] Vertreibung armer Teile der Bevölkerung aus ihren Behausungen [das weitläufige, verlassene Gelände wurde seit 2004 von obdachlosen Familien besetzt], um es einem Spekulanten zugänglich machen zu können.

Wer arm ist, gilt nun mal als potentieller Verbrecher …

Während all dieser Jahre war die PSDB nicht dazu in der Lage [oder nicht willens?], staatliche Strukturen zu schaffen, die beispielsweise ihren Teil dazu hätten beitragen können, die wahren Ursachen für die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen durch Drogenbanden einzudämmen.

Solange es keine umfangreiche Bildungs- und Sozialpolitik gibt und solange keine wirklich sachliche Auseinandersetzung über Drogen statt findet, ist ein Ende dieses Krieges nicht absehbar.

Glauco Cortez ist Sozialwissenschaftler, Journalist und Autor mehrerer Sachbücher.

Und bist Du nicht willig …

Genuss ohne Freiheit ist wie ein durch äußere Gewalt herbeigeführtes Lächeln.

Getweetet von MartinOHamann

Blog Stats

Kann zuweilen ganz interessant sein, sich die Statistiken des eigenen Blogs anzugucken. Ein Detail macht mich allerdings stutzig. Ich frage mich – gemessen an der Häufigkeit der Clicks – welchen Narren einige Surfer wohl an Soziopathen wie Eric Harris und Dylan Klebold gefressen haben könnten. Ob’s daran liegt, dass das Columbine-Massaker sich in Kürze zum zehnten Mal jährt? Oder liegt’s an Michael Moore? Mag alles sein. Natürlich dürften auch die jüngsten Ereignisse in Deutschland eine Rolle spielen. Hier sei aber gesagt, dass die Werte auch schon vor Winnenden ungewöhnlich hoch waren. Wohlgemerkt: es handelt sich um ein einziges Bild, aufgenommen von einer Überwachungskamera, das die beiden am Tag ihres Verbrechens zeigt. Und ihre Namen führen seit Monaten (!) die Liste der Top Searches an. Könnte man also – nur aufgrund der Daten eines einzigen Blogs mit bescheidener Leserzahl – schon darauf schliessen, dass diese Typen nach wie vor ziemlich “populär” sind?

Also, ich kann mir nicht helfen. Ich vermute, dass für einen kleinen Teil der Klicker diese Irren so was wie Celebrities sind.

Amok und Terror

Es ist schon mehr als makaber. Da werden neue Gesetze zur Bekämpfung des Terrorismus verabschiedet, da wird die Einschränkung der Privatsphäre mit sicherheitspolitischen Argumenten vorangetrieben, da schwadronieren Politiker und Medien nicht nur rechter Couleur über ein sogenanntes steigendes Gewaltpotential bei Immigranten, beschwören eine Gefahr “von außen” durch den radikalen Islam und was passiert? In einem friedlichen süddeutschen Kaff besorgt sich ein 17jähriger eine Knarre von seinem Alten – (ob er ihn wohl so genannt hat?) – und bringt 16 Menschen um. Mir nichts, dir nichts …

Wenn das kein Terror ist, was dann?

Religiös motiviert oder nicht: es scheint ein verbindendes Element zu geben zwischen dem Amoklauf eines Einzelnen und akribisch vorbereiteten Gewaltakten, wie sie zuletzt in der indischen Stadt Mumbai vorgekommen sind. Columbine, 09/11, Erfurt und Selbstmordanschläge in Israel oder im Irak sind durch ein dünnes, aber starkes Band verlinkt.

Wer den eigenen Tod als Konsequenz seiner Handlungen in Kauf nimmt, setzt sich über die letzte mögliche Grenze hinweg: den eigenen Selbsterhaltungstrieb. Und mit deren Überschreitung werden alle Bestimmungen, Gesetze, Gebräuche, Rituale und Vorschriften unbedeutsam, also all das, was sonst – trotz seiner “Unsichtbarkeit” – unser soziales Verhalten bestimmt oder wenigstens beeinflusst.

Auf den ersten Blick hat jeder Psycho- oder Soziopath seine “Gründe”. Als Mitglied einer Gruppe von Gleichgesinnten oder als Einzelgänger. Er mag vorgeben, sich für Allah zu opfern oder sein Volk von welcher Unterdrückung auch immer befreien zu wollen, er mag vom Paradies träumen oder einfach nur von Rache. Zynisch betrachtet hat religiös motivierter, also von Gruppen organisierter Terrorismus da schon seine Vorteile: man ist nicht “so allein”, sondern kann gemeinsame Wahnvorstellungen teilen und sich gegenseitig darin bestärken. Gruppendynamik vom Feinsten. Dass bei Einzeltätern die Motive schon mal nicht ganz klar auf der Hand liegen, ist nachvollziehbar. Aber selbst bei Einzelgängern lässt sich vermuten, dass – abgesehen von “sozialen Umständen” und damit verbundenen Rachephantasien – auch hier religiöse Motive in ihrer wie auch immer perversen Ausprägung nicht selten eine gewisse Rolle spielen. Man braucht nur auf unzählige “Vorfälle” in Gods Own Country zu verweisen, um eine Ahnung davon zu haben, was gemeint sein könnte. Da dürfte der eine oder andere schwer Gestörte schon davon überzeugt gewesen sein, im Auftrag des Allmächtigen zu handeln. Ob das bei dem Irren aus Winnenden auch eine Rolle gespielt haben könnte? Gute Frage!

Obwohl es also viele Gründe gibt, wird die “letzte Grenze” aber von allen in der gleichen Weise überschritten. Wäre die Vermutung zu abwegig, dass die Überschreitung an sich der eigentliche, wirkliche Grund sein könnte? Der letzte, weil tödliche, endgültige Kick? So was wie “praktizierter Nihilismus”? Die Phantasie, für ein paar Augenblicke Gott spielen zu können?

Über Autofahrer, Fussgänger und Parias …

Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir der Verkehr in São Paulo nicht auf den Sender geht. Auf die eine oder andere Weise: Lärm, Gestank, Aggression, Ignoranz.

Eine nicht ganz unähnliche Sichtweise vermittelt auch folgendes Post:

http://ocetico.wordpress.com/2008/12/01/288/

Leicht überzogen, aber gut geschrieben – zumindest im Original.

Sagen wir so: ich weiss, was er meint …

Auf Deutsch liest sich das ungefähr so:

Der brasilianische Fussgänger ist ein Paria. Er ist ohne Bedeutung. Es gibt keinen Platz für ihn. Er wird ständig mit dem Tod bedroht und oft genung ist er sich dessen nicht mal bewusst. Als ich meinen Führerschein machte, wurde mir eingetrichtert,  dass das Auto eine Waffe sei. Scheint allerdings so, als ob das nicht gerade bei der Mehrheit der Autofahrer in Brasilien angekommen ist. Wenige Leute machen sich wirklich klar, dass Autofahren so was wie ein ständiger potentieller Akt der Aggression sein kann. Ein Fahrer, der zum Beispiel nicht bremst, wenn er sieht, dass vor ihm jemand die Strasse überquert, will damit ganz selbstverständlich sagen: “Geh mir aus dem Weg, sonst gibt’s Verletzte. Vielleicht bringe ich dich sogar um die Ecke!”

In den vergangenen Jahrzehnten führte die fatale Kombination aus einer exponentiell wachsenden Anzahl von PKW’s, einer miserablen Politik in Bezug auf den öffentlichen Personennahverkehr und eines konsequenten Ausbaus des Strassennetzes dazu, dass es immer weniger sicheren Raum dafür gibt, sich zu Fuss fortzubewegen. Das beschneidet ganz eindeutig die Lebensqualität und das Zusammenleben jener Bürger, die nicht hinter dem Steuer sitzen. Der gewönliche Fussgänger wird mehr und mehr eingeschränkt und ist selbst auf den für ihn bestimmten Wegen einem ständigen Risiko ausgesetzt.

So kommt es, dass das Leben derjenigen, die zu Fuss gehen, immer unerträglicher wird und dass sich wohl der eine oder andere Betroffene wünscht, selbst ein Auto unter dem Hintern zu haben und die Rolle des Unterdrückten mit der des Unterdrückers zu tauschen.

Ich lebe in Porto Alegre aber ich denke, dass der sogenannte öffentliche Verkehrsraum nicht nur hier, sondern auch in allen anderen brasilianischen Metropolen mehr und mehr zugunsten des motorisierten Individualverkehrs “umgestaltet” wird. Was Porto Alegre angeht, so kommt noch hinzu, dass jemand die umwälzende Idee hatte, der Brigada Militar die Zuständigkeit für die Verkehrsüberwachung zu entziehen und zum Ausgleich dafür ein weiteres Kontrollorgan ins Leben zu rufen, die Fiscais de Trânsito. Ein schlechter Tausch. Die werden nämlich nicht besonders respektiert. Dank dieser grandiosen Idee sind kaum noch Polizisten unterwegs, die allgemeine öffentliche Sicherheit leidet darunter und Verkehrsvergehen werden kaum geahndet.

So lässt sich zunehmend beobachten, wie Autofahrer rote Ampeln missachten, am Handy kleben, wenn sie hinterm Steuer sitzen und Fussgänger regelrecht aufscheuchen, wenn die so dreist sind, die Strasse überqueren zu wollen. Und man muss sich vor den Motoboys in Acht nehmen, die mehr und mehr auf Fussgängerwege ausweichen.

Mit Spannung warte ich auf den Tag, an dem mein Wohnsitz niedergerissen wird, um einer Strasse oder einem Parkplatz zu weichen. Ich stelle mir schon jetzt vor, wie ich dann auf dem Bürgersteig campe und bete, dass ich nicht von einem Motorrad übefahren werde.