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Virtueller Suizid?

Ein Twitter-Account zu löschen mag in den Augen so mancher einem virtuellen Suizid gleichkommen. Vor allem dann, wenn man schon seit anderthalb Jahren dabei ist, fast täglich irgendwelchen guten, weniger guten oder – schlimmer noch – nichtssagenden Senf zu posten und sich dabei nicht nur an das Folgen und Gefolgt-Werden, sondern auch an das ganze „soziale Umfeld“ gewöhnt hat, an das ganze Lesen und Gelesen-Werden, an das Links-Klicken, an das Überspringen, an das Rauf-und-Runter-Scrollen, an jenes kommunikative Dschungelcamp aus Replys und Retweets …

ES dann vorgestern zu löschen, war gerade deshalb eine klärende Erfahrung. Ein leises Bedauern schwingt selbstweetend mit, dergestalt, als verließe man etwas Reales, wobei es sich doch nur um eine illusorische Heimat handelt, einen Hafen der virtuellen Gewöhnung.

In puncto Gewöhnung mag der gute Stancer da schon Recht haben:

Twitter ist halt wie eine liebgewonnene wenn auch blöde Angewohnheit, man wird es einfach nicht los. Es gibt schlimmeres.

Natürlich gibt es Schlimmeres. Das Löschen eines Twitter-Accounts ist aber trotzdem nicht mit einem Suizid, also – nach Stancers Worten – mit dem „Sprung vor einen einfahrenden Zug“ zu vergleichen, sondern eher damit, nicht weiter in ihm zu verweilen.

To get things straight:

Man kann physischen Suizid begehen, indem man vor einen Zug springt. Man kann auch sozialen Suizid begehen, indem man Dinge tut, die gesellschaftlich allgemein anerkannten Verhaltensregeln widersprechen. In beiden Fällen hat man es aber mit einem echten sozialen Umfeld zu tun, bestehend aus echten Menschen in echten Lebenssituationen, mit denen man als Handelnder, Betroffener oder Zaungast – selbst im Falle eines Selbstmordes – interagiert, lebensnah!

Soziale Netzwerke entfernen dagegen weder Leichen von den Gleisen, noch sind sie in der Lage, auf abweichendes Verhalten positiv oder negativ direkt Einfluss zu nehmen, also vor Ort! Digital getippte Wörter mögen in bestimmten Fällen bewusstseinsverändernde Wirkungen erzeugen und die Lesenden zu konkreten Aktionen veranlassen. Sie sind aber eher die Ausnahme als die Regel.

Die Regel ist ein Overflow an Information, mit welchem wir unsere konkreten Lebensumstände jedoch in keinster Weise zu lösen in der Lage sind, sondern der uns höchstens der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten und Wunschvorstellungen dient oder uns über unsere Einsamkeit hinwegtröstet, wenn wir mal wieder am Bahnhof stehen und uns, alles andere ignorierend, tippend und checkend an einem Device festhalten. Sollte in diesem Augenblick dann jemand vor einen einfahrenden Zug springen, dann nehmen wir es zur Kenntnis und posten ein Tweet in Echtzeit auf die Timeline.

Infoburger

Belanglose Informationen oder Meinungen auszutauschen ist das Händeschütteln mündlicher oder schriftlicher Kommunikation. So kann ich jemanden begrüßen, aber ich lerne niemanden dadurch kennen. Doch genau das will ich, wenn ich auf Menschen zugehe. Sie kennen lernen. Etwas über sie erfahren. Auf eine Ebene unter Floskeln, Plausch und Höflichkeiten gelangen. Ich bin kein Anhänger des kommunikativen Fast Foods, welches allerorten aufgetischt wird. Selbstverständlich ist es bequem, wenn man eine Kommunikationsebene miteinander teilt, auf der man unabhängig von Sympathie mit einer Menge Menschen gleichermaßen eine Menge Lebenszeit totschlagen kann. Reden, ohne etwas zu sagen. Sich kennen, ohne miteinander vertraut sein zu müssen. Das ist bequem. Cheeseburger sind das auch. Und während das eine auf Dauer den Körper ruiniert, versaut das andere auf Dauer soziale Kompetenzen und man kann so weit verkommen, dass man selbst Partnerschaften mit der Belanglosigkeit einer mittleren Pommes mit Cola Light lebt. Das hat niemand verdient und das will ich in meinem Leben nicht. Also gehe ich ab einem gewissen Punkt offen mit dem um, was unter meiner Schicht H&M-Mensch steckt und investiere in mein Gegenüber.

Quelle? Wie man’s nimmt: ein spontan vor einiger Zeit als Entwurf gespeicherter „Schläfer“, der irgendwo auch hier zu finden ist – nun aber eben wach gerüttelt und damit erneut zugänglich.

Medienei oder Nutzerhuhn?

Frage mich gerade, wer eigentlich wirklich die Druckerpresse erfunden hat: Johannes Gutenberg oder der „Zeitgeist“ einer Gesellschaft, die eine solche Form der Kommunikation suchte?

Ähnliches könnte man über die digitalen Medien denken. Vielleicht suchten wir ja einfach nur einen guten Vorwand dafür, uns menschlich einigeln zu können. Wie auch im Falle Gutenbergs wären dann die Erfinder von Netzwerken wie Facebook nichts anderes als Seismographen, die unsere Wünsche registrieren und zu verwirklichen helfen.

„Wären“, wohlgemerkt. Klar ist das nämlich nicht. Siehe ganz oben.

Nachtrag vom 2. Juli
Apropos „Henne und Ei“: Ein lesenswertes Post darüber, welchen Einfluss das Internet auf unser Denken hat, findet man hier. Und – man mag mir diesen Reflex entschuldigen – was hat Reflexion eigentlich mit Reflektion zu tun? Asche auf mein nicht reformiertes Sprach-Haupt!