Arquivo da tag: Lesen

“Sind Sie noch da?”

Es ist ja nun wirklich die große Frage, ob der Sinn des Lebens, das Glück dieser Erde eher in der langen und zähen Lektüre dicker Bücher, dem meditativen Moment des kontinuierlichen und bildenden Lesens oder im wilden Herumklicken, im wirren Aneinanderreihen einzelner Gedankenschnipsel aus Onlinetexten besteht, denn wie neuerdings wiederum eine Nachricht die Runde machte, wird in Deutschland, dem Lande von Stirnarbeitern wie Thomas Mann und Immanuel Kant, die ungeübten Lesern freilich zunächst sperrig und reichlich kompliziert in Satzbau und Ausdruck scheinen mögen und nach wortreichen Einschüben stets zum Wiederfinden des verlassenen Gedankenfadens auffordern, immer mehr Menschen die Diagnose der sattsam bekannten psychischen Störung “ADHS” gestellt, einer Krankheit, die es den Betroffenen kaum ermöglicht, länger als wenige Augenblicke gedanklich im gleichen Pfad sich zu bewegen, die vielmehr ein mentales Umherspringen, ein assoziatives Sperrfeuer nicht enden wollender Aufmerksamkeitsveränderung bedeutet, der Beständigkeit, ja Beharrlichkeit ganz und gar fremd ist, und die dennoch nicht gänzlich unkritisch von den hiesigen Medien beäugt wird, heißt es doch, das Problem sei teils hausgemacht, viele Diagnosen entsprächen nur einem in gewissen Altern durchaus natürlichen Bewegungs- und Kreativitätsdrang, hier sollten gleich einer Baumschule unerwünschte Auswüchse zurechtgestutzt werden, um den Anforderungen einer Gesellschaft Rechnung zu tragen, die – hallo? Sind Sie noch da? Wofür schreibe ich das eigentlich, Sie nichtsnutzige Internetblutsauger! Da will man einmal anspruchsvollen Internetjournalismus bieten und schon treibt sich die Userschar wieder in den üblichen Netzwerken herum. Ja, ja, machen Sie nur, Sie werden ja sehen, was Sie davon haben! Sie Nulpe! Ach, Sie sind noch hier? Na dann: grüß Göttchen.

Titanic Newsticker (31.01.2013), frisch geschnipselt und geklebt.

Graphisch-hypnotische Sinnentleerung

figurenbrut.blogger.de

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Lesen

Wörtern beim Weben von Sätzen zusehen.

Mehr Hirn, mehr Poesie

Wer Texten vorwirft, dass er sie nicht versteht, wirft nun einmal zunächst sich selbst etwas vor. Was kann ein Text für das Lesevermögen seiner jeweiligen Leserinnen und Leser? Sicherlich gibt es Texte, deren Inhalt und Güte sich nur jenen erschließen, die über eine gewisse Leseerfahrung und Bildung verfügen – und über die Frage, ob dies so sein muss, lässt sich streiten. Dies jedoch ist nicht der Kern des Vorwurfs, der Jahr um Jahr gegen komplexe Texte allgemein und gegen Lyrik insbesondere vorgebracht wird. Diejenigen, die nicht bereit sind, sich mit einem kurzen Text länger zu befassen, als die reine Erfassung der Buchstaben braucht, machen Texten zum Vorwurf, dass sie sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Sie werfen einem Text somit vor, dass er Arbeit macht.

Jörg Sundermeier

Ein Buch, das an jemanden erinnert

Es war einmal ein Sozialwissenschaftler, der sich sehr viel Zeit dafür nahm, um sein Studium dann aber doch endlich, dafür jedoch auch mit einer immerhin ziemlich gut bewerteten Diplomarbeit abzuschließen.

Wir kennen uns seit gut 25 Jahren und immer, wenn ich ihn nach längeren oder kürzeren Abständen innerhalb dieses bis dato doch ziemlich bemerkenswert langen Zeitraumes erneut traf, begegnete ich zwangsläufig auch dem Fach, welchem er sich bis heute – auch nach seinem erworbenen Diplom – verschrieben hat. Obwohl er ein durchaus angenehmer Gesprächspartner und Zeitgenosse sein konnte und es nach wie vor noch zu sein scheint, bezweifle ich ernsthaft, ob mir, abgesehen von meiner Kenntnis über seine Neigung zu soziologischer Literatur und der damit verbundenen, von ihm sehr ernst genommenen wissenschaftlichen Arbeit wirklich klar ist, mit wem ich es da zu tun hatte und noch habe.

Über persönliche Dinge zu reden fällt ihm nach wie vor schwer. Hier auf mögliche Gründe eingehen zu wollen, macht keinen Sinn, wäre sogar absurd. In der Vergangenheit neigte ich dazu, ihm dies zuweilen übel zu nehmen, was wiederum in den meisten Fällen zu einem Abbruch des Kontaktes führte, auf die eine oder andere kindische Weise. Heute ist mir klar, dass sein Begriff von “Freundschaft” eben ein anderer ist als der meinige. Was wiederum die Chance bietet, illusorische Gänsefüßchen zu streichen, also die eigentliche Bedeutung des Begriffes ernst zu nehmen und dessen wahre Bedeutung bei zukünftigen Begegnungen konstuktiv umzusetzen.

Nicht, dass er mir dieses Buch empfohlen hätte, ich habe es eher zufällig gefunden. Dessen Autor hätte ich allerdings ohne ihn wohl erst wesentlich später kennen gelernt. Von daher war es schon so was wie eine “Kaufempfehlung”, wenn auch eine sehr indirekte:

Niklas Luhmann, SHORT CUTS, Verlag Zweitausendeins

Kein “geschlossenes Werk”, sondern “Ansätze”, bestehend aus einem Interview und verschiedenen Essays, auf jeden Fall sehr lesenswert, gerade für unbedarfte Laien wie Dich und mich.

Bücher, die man nur einmal liest

Mit den meisten Büchern, die man gelesen hat, ist es so wie mit Menschen, an die man sich erinnert: sie sind wie frühere Freunde, verflossene Bekannte und Kollegen oder gar wie Unbekannte, die man einst auf der Straße traf; sie alle haben aber gleichwohl im Regal unseres Lebens ihren Platz.

Immer wieder lesenswert

Vorab sei gesagt: Ich hab’s wirklich versucht, mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich den Inhalt des besagten Buches am besten hätte zusammenfassen können. Zum Schluss meiner Überlegungen blieb dann aber doch nur der im Grunde alles andere als resignierende Griff ins Regal. In der Einleitung (Untertitel: “Die Wahrheit ist unteilbar”) fanden sich dann nach sehr, sehr kurzem Blättern folgende Abschnitts-Schnipsel:

Kann man an die Existenz oder gar an die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat? Diese einfache, aber alles entscheidende Frage bildet den Hintergrund dieses Buches.

Es ist in der Überzeugung geschrieben, dass die Verbindung religiöser und wissenschaftlicher Aussagen über die Welt zu einem einheitlichen Weltbild heute möglich geworden ist. In der Überzeugung, dass sie nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig ist, wenn der Schwund der Glaubwürdigkeit, dem die religiôse Verkündung heute in der breiten Öffentlichkeit ausgesetzt ist, nicht weiter fortschreiten soll.

Im Zentrum der Darstellung steht das weit über den Spezialfall der Biologie hinaus geltende, für die gesamte heutige Naturwissenschaft grundlegende Konzept der Evolution. Bemerkenswerterweise liefert gerade dieses geistige Konzept einen entscheidenden Schlüssel zu einem besseren, in mancher Hinsicht ganz neuen Verständnis uralter theologischer Aussagen, bis hin zu der Behauptung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit. Dieser Gedanke war der entscheidende Anstoß zur Entstehung dieses Buchs, das unter diesen Umständen mit einer relativ ausführlichen Darstellung des modernen Evolutionsbegriffs beginnt.

Gut zwei Jahrzehnte vor Dawkins Streitschrift “Der Gotteswahn” schneidet der oben zitierte Autor schon das gleiche Thema an. Ob Dawkins das Buch wohl kennt? Gute Frage! Falls nicht, so sei ihm ernshaft angeraten, dies umgehend nachzuholen. allein schon deshalb, weil es ihm die Gelegenheit böte, seinen positivistisch verklemmten Horizont zu erweitern:

Hoimar von Ditfurth, “Wir sind nicht nur von dieser Welt”, Verlag Hoffmann und Campe, leider nicht mehr im regulären Buchhandel erhältlich.

Lieblingsbuch?

So ein Blödsinn! Kein Lieblingsbuch, höchstens Favoriten. Darauf wiederum im Detail eingehen zu wollen, macht aber keinen Sinn. Punkt.

Das nächste Buch?

Keine Ahnung. Ein kleines, in den Regalen versprengtes Häufchen an- und ungelesener Bände buhlt noch um meine Gunst.

 

Dicker Schinken

Zuerst waren es nur der Ort der Handlung und der Name des Autors, die neugierig machten. Nie was von jenem gelesen, dessen Umgang mit meiner Muttersprache an die grazile Art und Weise erinnert, mit der eine ältere Dame aus besseren Kreisen eine Tasse Tee in der Hand zu halten pflegt.

So dachte ich zwar immer wieder daran, die letzten Jahre, an jenen Ort, den er dort beschreibt, aber dieser Author, dem ich doch seit der Schulzeit tunlichst aus dem Wege gegangen war, der? Du liebe Güte! Bevor ich den lese, dann schon lieber alles andere, aber doch nicht so ein schwermütig-seitenschweres Werk.

So wich ich ihm denn aus, bis ich an einem verschneiten Dezembertag gegenüber eines allzu bekannten Rathauses eine kleine Buchhandlung betrat und danach fragte. Die Buchhändlerin nahm mein Ersuchen freundlichst zur Kenntnis, zufrieden darüber, mir weiterhelfen zu können. Es sei sogar eine besonders schöne Taschenbuchausgabe, die sie da vorrätig habe.

Und so überflog ich den Inhalt und fand da Dinge wie “Von der Taufschale und vom Grossvater in zwiefacher Gestalt”, “Ehrbare Verfinsterung”, “Gedankenschärfe”, “Exkurs über den Zeitsinn”, “Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit” und einiges Rätselhaft-Verführerisches mehr.

Der letzte Hauch eines Zögerns verflog im Nu; ich lese, wenn auch in Etappen, jedoch mit zunehmender Leichtigkeit. In kürzeren oder längeren Lesepausen stellt er sich dann wieder ein, der Wunsch nach dem Zauberberg. Nichts von jenem Muss, ein einmal begonnenes Buch zu beenden, sondern Durst auf Verführung. Sich von dem kunstvoll gewebten Netz seiner Sätze einfangen zu lassen und lebendige Rudimente einer maroden und skurrilen Vergangenheit zu erahnen..