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Pontifex-Stoff

Die Paróquia São Francisco ist eine historisch nicht gerade unbedeutende Kirche im Zentrum São Paulos. Vor fast genau vier Wochen, (selbst meine Frau kannte sie nicht – dabei ist sie hier geboren), wohnten wir eben genau dort einer Hochzeit bei und freuten uns für die Beiden. Es war eine “klassische “ Zeremonie, katholisch halt, wenn auch mit schon “moderateren Tönen”, ganz zu Anfang: da spielten ein paar Streicher hinter dem Altar eine schon sehr weltlich-kitschige Melodie – oder auch zwei, oder drei. Der Priester? Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, mit volleren, wuschelig-grauen Haaren; einer, der zunächst als “Gewöhnlicher” in seinem “Heiligtum” herumlief um Verwandten und anderen bei den letzten Vorbereitungen behilflich zu sein, welcher also als “Solcher” nicht von Anfang an erkennbar war. Dass er dann später in seiner Robe wesentlich langweiliger rüberkam als “inkognito”, tut nichts zur Sache. Er (oder “es”) tat dem entspannten “Klima” in der Paróquia nämlich keinen Abbruch. Man begrüßte sich, flüsterte miteinander, sah nach vorn und zuweilen gar nach oben.

Da tat sich der “Himmel” dann doch schon auf, wenn auch nur ein wenig.

Autorenschaft

Jetzt mal ganz von vorn; mir ist gerade danach:

Geschriebenes wurde und wird geschaffen um gelesen zu werden. Dessen Quelle ist immer ein Autor, ergo ein Mensch, dessen Absicht darin besteht, uns etwas mitzuteilen, indem er es festhält – und zwar schriftlich. Wenn nun Texte gewisser Autoren die Zeit, in der sie entstanden sind, überdauern, dann wohl in erster Linie deshalb, weil sie nicht nur den Zeitgeist ihrer Entstehungsepoche wiederspiegeln, sondern darüber hinaus auch etwas vermitteln, das gleichwohl für nachkommende Generationen und Epochen relevant ist oder zu sein scheint.

So erklärt sich zum Beispiel – selbst in Zeiten wie diesen – der Reiz der Werke eines Genies wie Shakespeare. Allein dessen altertümlich wirkende und von daher exotisch anmutende Sprache mag uns schon in den Bann ziehen. Ginge es aber nur um die sprachlichen Ausdrucksformen seiner Epoche, das Bühnenbild und die Kostüme, so hätte Shakespeare nicht “überlebt”. Da ist noch etwas anderes, etwas, das “uns” mit “ihm” und seiner Zeit verbindet. Ein Begriff, um dieses “Phänomen” zu umschreiben, wäre die in bestimmten Kreisen so oft zitierte “conditio humana”. So viel hat sich da nämlich nicht geändert seit den Zeiten von Federkiel und Rüschenkragen – und davor; versetze sich ein jeder auf seine Art in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte zurück. “Wie es Euch gefällt.”

Na ja, auf solche Binsenweisheiten kann nun wirklich jeder einigermaßen klare Kopf kommen, möge er auch ansonsten zu Literatur keinen besonderen Draht haben. Kurz: der gute Shakespeare hatte es halt drauf, Dramen und Gedichte zu schreiben, die etwas über uns und das Leben aussagen, in das wir “geworfen” wurden, ganz unabhängig von der Zeit, in der wir leben. Obwohl in seinen Stücken auch historische Personen und reale Geschehnisse vorkommen, ging es ihm – also dem Autor – nicht nur um diese an sich, das sei jetzt einfach mal behauptet.

Falls dem so sei, warum sollte es sich da mit religiösen Texten anders verhalten – egal mit welchen? “Überlebten” sie nicht aus dem selben Grund, da sie ähnlich wie ein Werk von Shakespeare etwas “Wesentliches” zu vermitteln scheinen? Sind auch sie nicht schlicht und einfach das Werk von Autoren – egal, wie eigenartig und befremdend ihre Sprache zuweilen rüberkommen mag? Von Autoren, deren Inhalte selbst heutzutage noch in so vielen Köpfen derart “lebendig” sind, dass sie nach wie vor gelesen, zitiert, gedeutet, missdeutet und vergewaltigt werden?

Also, ich kann mir da wohl nicht helfen. Selbst wenn religiöse Texte “anderen Kalibers” zu sein scheinen, da älter, “ehrwürdiger”, inspirierender, polemischer, transzendenter, umfassender, weiser und widersprüchlicher als gar die Texte des besagten Genies, so sind auch sie nicht “vom Himmel gefallen”, sondern …

… geschrieben worden.

Und zwar von Menschen.

Zwischen allen Stühlen?

Ob ich der einzige bin, der nicht so recht weiß, was von der ganzen “Beschneidungsdebatte” zu halten ist? Das ist wohl nicht der Fall. Mir persönlich fällt ein eindeutiges “Ja” oder “Nein” dazu jedenfalls eher schwer. Ganz abgesehen davon, dass diese Diskussion “aus der Ferne betrachtet” schon ein wenig skurril wirkt: in den brasilianischen Medien ist dieses Thema nämlich nicht von “öffentlichem Interesse”. Wie dem auch sei, mir passiert immer das Gleiche, egal ob ich nun Argumente von Befürwortern oder von Gegnern dazu lese oder höre; meine Reaktion auf deren in den meisten Fällen vehement vorgetragene Statements ist nur zu oft ein “Ja, aber …”, es scheint mir, dass beide “Lager” sowohl recht als auch unrecht haben mögen.

Der Unwille, mich einem “Lager” konsequent anzuschließen und die damit verbundene “innere Zerissenheit” spiegelt sich treffend in folgen Auszügen einer Diskussion wieder, die man auf einem “Psycho-Blog” in voller Länge einsehen kann – (ganz abgesehen von einer Menge anderer Beiträge und Links). Der erste Auszug stammt von Frank Werner Pilgram, einem sogenannten “Gegner”, dem ich schon zu Anfang des zitierten Abschnitts zustimme, denn …

… jeder Kult, der in Frage gestellt werden kann, hat seine ursprüngliche, kollektive Verbindlichkeit bereits verloren und verfällt dem Anachronismus. Deshalb wird er von seinen Parteigängern um so trotziger und blutiger behauptet. Aus der Notwendigkeit, leidvolle Trennungen (wie die von der Mutter) zu symbolisieren, konstruieren sie sich die Rechtfertigung einer Überbietung durch Opfer – statt deren zivilisierende Übersetzung und Sublimierung zu befördern. Da wird Kunst schlicht mit Kult, aus dem sie zwar kommt, über den sie aber wesentlich und qualitativ durch die sukzessive Aufhebung der Opfer hinausgeht, verwechselt und kurzgeschlossen. […] Am Ende läuft es dann doch nur auf die alte, simple Identifikation mit dem Aggressor hinaus, über die viele in ihrem Leben eben nicht hinauskommen: das Trauma, das ihnen in passiver Position angetan wurde, aktiv weiterzugeben.

Insofern ist es vielleicht gar nicht schlecht, daß heute zu diesem Anlaß und in unserem Gemeinwesen „keine 10 Männer zusammenzubringen sind“, denn deren ebenso homophobe wie verdrängt homophile Bündelei ist es ja vor allem, die mit solch affirmativ aufgefaßten Abraham-Isaak-Unterwerfungen installiert werden soll. Liegt doch der progressive Sinn dieser alttestamentarischen Geschichte nicht in ihrer kultisch-initiatorischen pars pro toto Re-Inszenierung, sondern in der Opfersubstitution, die dort zugunsten einer gesetzlichen Ordnung ermöglicht wird. In den Worten prophetischer Kritik: „Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6.6) Unnötig zugefügter, zumal früher Schmerz bildet Kriegergesellschaften, keine human-erotischen Zivilisationen.

Wenn schließlich in der berechtigten Kritik der medizinisch-medialen Rationalisierung noch die Phantasie eines ‚Geburtsfilmchens’ herhalten muß, um die sadistisch ausgeübte Praxis der Beschneidung als unumgänglichen Akt der Subjekt- und Kulturbildung zu rechtfertigen, offenbart dies in der Tat einen misogynen Platonismus, der die sterbliche, verletzliche Leiblichkeit haßt und, weil dies glücklicherweise so nicht mehr ganz gesellschaftsfähig ist, ersatzweise auf den Rechtspositivismus, der sich erdreistet hat, jene zu schützen, einschlägt.

Aber, “und da haben wir den Salat”, auch die Antwort eines gewissen Karl-Josef Pazzini hat es in sich. Sie versucht, auf etwas einzugehen, dass meiner Meinung nach in der ganzen Debatte zu oft übersehen wird, nämlich die eigentlichen Ursachen für die Beschneidung und mögliche Faktoren, welche – jenseits aller religiös motivierten Begründungen – die Aufrechterhaltung dieser Praxis begünstigen könnten. Außerdem zweifelt Herr Pazzini an der Wirksamkeit rechtlicher Verbote, da …

… es nicht an sich ein Fortschritt in der Menschlichkeit ist, wenn die Beschneidung abgeschafft wäre. Nähmen wir es für ein „Symptom“, dann müssten wir doch konzedieren, dass es sich um eine kreative Lösung eines Konfliktes handelt. Was ist der Konflikt, für was ist die Beschneidung eine Lösung? Ein „Symptom“ bekommt man nicht durch Richtersprüche aus der Welt oder auch nicht durch Vulgärrationalismus.

Ein Symptom ist verflochten mit einem Kontext; das direkte Angehen eines Symptoms bringt (psychoanalytisch gedacht) in der Regel nichts. Und zu dem hier zu verhandelnden „Symptom“ gehört doch auch, dass es bei Semiten auftaucht. Gegen die einen gab es Kreuzzüge, gegen die anderen den Versuch der Vernichtung mitten in Europa. Entgleiste Grausamkeit, Gewalttätigkeit. Und gerechtfertigt wurde das z.T. mit deren Unmenschlichkeit, Minderwertigkeit, Grausamkeit.

[…]

Ich halte die Beschneidung nicht für notwendig. Für notwendig halte ich die kulturelle, gesellschaftliche Auseinandersetzung damit, was meinem Erkenntnisstand nach vermutlich durch Beschneidung symbolisiert wird.

[…]

Machen sich Muslime und Juden „festlich brutal“ über ihren Nachwuchs her? Wollten Sie das sagen? Dann würde ich sagen, dass mir dererlei „Argumente“ bekannt vorkommen.

Pro hin, Kontra her, es wäre zu wünschen, dass alle “Beteiligten” und damit vor allem auch die “offiziellen Medien” sich des Themas mehr auf solch konstruktive Art und Weise annehmen würden wie es die oben Zitierten tun.

(Un-)freundliche Vereinnahmung

Was die insgesamt zu beobachtende Zunahme der traditionell christlich überformten Ritualisierung angeht, könnte man mit den Schultern zucken und auf die nächsten Generationen hoffen. Das ist die optimistische Sicht der Dinge – allerdings bleibt die Sorge berechtigt, dass die neuen, alten Rituale in Wirklichkeit nur eine Angstreaktion auf eine zerbröselnde Gesellschaft sind. Schüler mit ein bisschen Kreationismus, Strafarbeiten, dem Vaterunser und naiv-delirösen Gesängen auf die Realität dieser Gesellschaft vorbereiten zu wollen – das ist in jedem Fall eine Kette peinlicher Vorfälle.

Markus Hammerschmidt über religiöse Auswüchse an einer staatlichen Grundschule.

Constructing a Meaningful Life …

… requires both our hearts and our heads. To find what is meaningful, we must find what truly matters. Finding what truly matters uses our hearts, because evidence of what matters comes from our emotional responses. But it also uses our heads, because we must reflect critically on our initially responses to avoid the errors to which emotions are prone.

Andrew Kernohan, “A Guide for the Godless – The Secular Path to Meaning”

Immer wieder lesenswert

Vorab sei gesagt: Ich hab’s wirklich versucht, mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich den Inhalt des besagten Buches am besten hätte zusammenfassen können. Zum Schluss meiner Überlegungen blieb dann aber doch nur der im Grunde alles andere als resignierende Griff ins Regal. In der Einleitung (Untertitel: “Die Wahrheit ist unteilbar”) fanden sich dann nach sehr, sehr kurzem Blättern folgende Abschnitts-Schnipsel:

Kann man an die Existenz oder gar an die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat? Diese einfache, aber alles entscheidende Frage bildet den Hintergrund dieses Buches.

Es ist in der Überzeugung geschrieben, dass die Verbindung religiöser und wissenschaftlicher Aussagen über die Welt zu einem einheitlichen Weltbild heute möglich geworden ist. In der Überzeugung, dass sie nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig ist, wenn der Schwund der Glaubwürdigkeit, dem die religiôse Verkündung heute in der breiten Öffentlichkeit ausgesetzt ist, nicht weiter fortschreiten soll.

Im Zentrum der Darstellung steht das weit über den Spezialfall der Biologie hinaus geltende, für die gesamte heutige Naturwissenschaft grundlegende Konzept der Evolution. Bemerkenswerterweise liefert gerade dieses geistige Konzept einen entscheidenden Schlüssel zu einem besseren, in mancher Hinsicht ganz neuen Verständnis uralter theologischer Aussagen, bis hin zu der Behauptung von der Realität einer jenseitigen Wirklichkeit. Dieser Gedanke war der entscheidende Anstoß zur Entstehung dieses Buchs, das unter diesen Umständen mit einer relativ ausführlichen Darstellung des modernen Evolutionsbegriffs beginnt.

Gut zwei Jahrzehnte vor Dawkins Streitschrift “Der Gotteswahn” schneidet der oben zitierte Autor schon das gleiche Thema an. Ob Dawkins das Buch wohl kennt? Gute Frage! Falls nicht, so sei ihm ernshaft angeraten, dies umgehend nachzuholen. allein schon deshalb, weil es ihm die Gelegenheit böte, seinen positivistisch verklemmten Horizont zu erweitern:

Hoimar von Ditfurth, “Wir sind nicht nur von dieser Welt”, Verlag Hoffmann und Campe, leider nicht mehr im regulären Buchhandel erhältlich.

Antievolutionär

Ich glaube, dass es ein höheres Wesen gibt, und dass man diesem höheren Wesen, das ich mich nicht scheue als Gott zu bezeichnen, doch zubilligen muss, dass es sich auf verschiedenen Wegen den Menschen offenbart. Zum Beispiel durch verschiedene Propheten. Ich finde diese konfessionelle Feindlichkeit unter den Völkern etwas Unmögliches, denn das ist doch nur eine Bevormundung von Gott, wenn man ihm sagt: “Du kannst nur als der christliche Gott in Erscheinung treten.” Wenn Gott wirklich allmächtig ist, warum kann er sich dann nicht durch Echnaton, Moses, Jesus, Mohammed, Buddha und Konfuzius den Menschen kundtun?

Was mich so aufregt, ist der Fundamentalismus, denn der ist ausgesprochen antievolutionär. Das Leben ist ja eine Evolution nicht nur im Biologischen, sondern auch im Geistigen …

Die Dnge, die wir heute erkennen können, konnte man vor Tausenden Jahren nicht erkennen, und deswegen finde ich, ist das evolutionäre Denken auch in religiôser Hinsicht so wichtig und der Fundamentalismus eine Bremse. Ich verurteile die Fundamentalisten nicht, ich möchte ihnen helfen, ihren starren Standpunkt zu überwinden, hat doch der Fundamentalismus immer dann seine breiteste Anerkennung gefunden, wenn es den Menschen schlechtging.

Walter Pöldinger, (1929 – 2002), Psychiater, im Gespräch mit Brigitte Zöller. Aus: “Begegnungen”,
© 1994, Springer-Verlag/Wien

Let’s Tell Of One Example:

Very often I claim my life to be quite interesting, full of happenings which do not allow me falling into depression, stagnation or simple boredom.

Now I look around and see that the current situation in Israel doesn’t allow one to fall asleep either. For sure, Israeli turbulences do not affect (nor afflict?) an extremely high percentage of the world population. Yet if looking closely on the topics and matters the trouble is about, one will not deny its significance.

Ideological, ethical, spiritual, social and national battles take place there every day anew. Israel is a country which never rests – even the Holy Day of Rest, the Shabbat, cannot be seen as a period of cease-fire, on the contrary, it’s the day where the ones throw stones, others add fuel to the fire (ironically, lightening fire is forbidden by the Torah!) by their statements, decrees, acts.

Israel’s Unsung

Zu fromm!

Die frommen Herren wollen so oft wissen, was wir denn eigentlich gegen sie und ihre Religion, wie sie sie ausüben, vorzubringen hätten. Eines unsrer Argumente ist die trostlose Plattheit ihrer religiösen Gefühle.
[…]
Und der Grund, aus dem der Kirche täglich mehr und mehr Leute fortlaufen, was nur zu begrüßen ist, liegt eben hierin: dass viele Diener dieser Kirche nur noch viel zu reden, aber wenig zu sagen haben. Wie schlecht wird da gesprochen! Wie oberflächlich sind die scheinbaren Anknüpfungspunkte an das Moderne, darauf sind diese Männer auch noch sehr stolz. Wie billig die Tricks, mit einer kleinen, scheinbar dem Alltag entnommenen Geschichte zu beginnen, um dann … emporzusteigen? Ach nein. Es ist so etwas Verblasenes – die Sätze klappern dahin, es rollen die Bibelzitate, und in der ganzen Predigt steht eigentlich nichts drin.
[…]
Aber eine so gute Propaganda, wie sie die Kirche gegen die Kirche macht, können wir gar nicht erfinden. Und ich weiß viele, die mit mir denken: Wir sind aus der Kirche ausgetreten, weil wir es nicht länger mitansehn konnten. Wir sind zu fromm.

Ignaz Wrobel, Die Weltbühne, 14.07.1931, Nr. 28, S. 72.

Übernatürliche Phänomene?

Nun mögen das ja Erscheinungen oder Geschehnisse sein, die wir uns rational nicht erklären können. Und es macht dabei im Übrigen keinen Unterschied, ob’s nun um kollektive (theologisch und esoterisch inspirierte) oder individuelle “Überzeugungen” und “Weltbilder” geht – ganz abgesehen von der Tatsache, dass es sich bei vielen dieser “Visionen” und “Erlebnisse” nur um “Ausgeburten” der menschlichen Phantasie und um Wunschdenken handelt. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt liegt im Begriff selbst: übernatürlich. Was, bitte schön, soll man darunter eigentlich verstehen? Ist die Unfähigkeit, Dinge rational erklären zu können schon eine ernsthafte Grundlage für die Behauptung, sie stünden über der Natur und dem Wesen jener Welt, die uns hervorgebracht hat und in der wir existieren?

Bullshit.

Ironischerweise wird selbst in wissenschaftlichen und philosophischen Kreisen allgemein anerkannt, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt der uns umgebenden Realität wahrnehmen können. Mehr noch: es ist eine Binsenweisheit. Obwohl oder gerade weil das nun wirklich keine bahnbrechende Neuigkeit ist, stellt sich die Frage, warum dieser erwiesene Sachverhalt in der ganzen polemisch geführten Auseinandersetzung zwischen Theisten und Atheisten so gut wie keine Rolle spielt. In den mir bekannten Aussagen bekennender Atheisten und in den meisten der (wenigen aber guten) von mir verschlungenen populärwissenschaftlichen Werken, die ein positivistisches Weltbild vertreten, kommt dieser Aspekt wenig oder gar nicht zur Sprache. Und, was noch viel merkwürdiger ist: die Theologen scheinen sich nicht wirklich über die Tatsache im Klaren zu sein, das da jenes Bollwerk positivistischer Argumentation eine nicht unbedeutende Schwachstelle aufzuweisen hat. Sehr seltsam, das Ganze, oder? Dabei böte das doch die Chance zu einem wirklichen Dialog, bei dem unter anderem Begriffe wie “Jenseits” und “Transzendenz” eine ganz neue Bedeutung erhalten könnten.

Eins ist schon mal klar: beide Seiten würden Federn lassen müssen, mit denen sie sich bis dato so gerne schmücken.