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Apropos Schreiben

Wenn in geselliger Runde jemand zu schreiben oder schreiben zu wollen behauptete, fragte ich nach, worüber sie denn schreiben wollten. Die Antwort blieben sie mir meistens schuldig. Ich fand das seltsam. Schon damals – und seither immer mehr – habe ich es komisch gefunden, daß unsere Kultur Menschen en masse hervorbringt, die schreiben können und wollen, aber nichts zu sagen haben. Warum wollen sie schreiben, wenn sie offen und ehrlich zugeben, daß es nichts gibt, was sie vermitteln könnten? Können sie nichts anderes tun?

Gaarder, J.: Der Geschichtenerzähler. München 2002.

(… davon ausgehend, dass es sich bei der “geselligen Runde” auch um das sogenannte Web 2.0 im Allgemeinen und die Blogosphäre im Besonderen handelt …)

Gut gezwinkert!

Offline 1

Notiert am 05.06.2010

Auf einer kleinen überdachten Veranda an diesem angenehm kühlen, verregneten Samstag die großblättrigen subtropischen Gewächse eines Gartens zu bewundern, der ständig von urwüchsiger Mata Atlântica “bedroht” wird, und dabei einen Laptop ohne Internet-Zugang auf dem Schoß zu haben, ist eine klärende Erfahrung. Der Laptop wird zur Schreibmaschine, der Schreiber ist kein Blogger, Tweeter, Forist, Surfer, sondern ein Individuum ohne virtuelle Resonanz, ohne “Öffentlichkeit”, ohne das mögliche, aber nicht unbedingt wahrscheinliche Feedback anderer, also ohne den “Spiegel”, den er sich selbst laufend vorhält, wenn er sich einloggt.

Wäre unser Ego nicht so gestrickt, dann würde es vieles im Internet nicht geben: so viele sinnlose Posts, so viele blödsinnigen, nichtssagenden Kurz-Kommentare auf Twitter oder Facebook, oder wo auch immer. Und dieser Text ist halt auch nicht so, wie er wäre, wenn es sich um eine persönliche Tagebuch-Notiz handeln würde; er verschwindet nicht in einer Schublade: jene dubiose Öffentlichkeit, die mir in diesem zauberhaften Augenblick mangels einer nicht vorhandenen Internet-Verbindung “versagt” ist, beeinflusst genau eben das, was ich gerade schreibe. Schließlich nehme ich die “Schreibmaschine” morgen mit nach Hause, um das “hässliche analoge Entlein” wieder in einen “digitalen Schwan” verwandeln zu können. Oder so ähnlich …

Kurz: ja, ich bin eitel! Ich poste nicht nur, weil ich gerne schreibe, sondern eben auch deshalb, weil ich mir wünsche, dass andere lesen mögen, was ich hier gerade herunter tippe.

Machen wir uns nichts vor: welchen anderen Sinn könnte ein Blog haben?

Schwarzes Loch ohne Strahlung

Es gibt Kommentare über den Sinn des Schreibens im Allgemeinen und die Blogosphäre im Besonderen, die zu ignorieren einem “Sakrileg” nicht unähnlich wäre. Hier ist einer:

Ich ziehe kein Selbstvertrauen daraus, dass Menschen lesen was ich schreibe. Ich fühle mich nicht wertvoller oder wichtiger, seit ich damit angefangen habe. Mir ist kein realer Nutzen aus dem erwachsen, was ich hier mache. Und darum geht es mir auch nicht.
Meiner Ansicht nach ist die Natur dieses Mediums größtenteils ein Schwarzes Loch ohne Strahlung. Es absorbiert, doch es gibt nichts ab. Manche nutzen dieses Medium zur Kommunikation, viele sogar. Und dafür eignet es sich wohl auch. Aber nicht für mich. Ich nutze es als Loch ohne Ausgang, nicht als Kanal für meine Meinung. Was immer ich hineinstecke, es wird nicht voll werden, und es wird nichts an mich zurückgeben. Nichts von all dem hier ist real, nicht diese Antwort, die ich gerade schreibe, nicht das, was bereits auf dieser Seite steht. Es existiert nicht wirklich. Es ist wertlos für mich, doch sinnlos ist es nicht.

Ich schreibe, weil ich loswerden will. Ich will nichts an andere loswerden, ich will es einfach nur loswerden. In meinem Kopf entstehen permanent Ideen, Bilder und Sätze, ohne mein Zutun. Vielleicht liest man das heraus, ich bin nicht zufrieden damit. Ich genieße das nicht. Und ich genieße nicht den Schreibprozess. Doch das Schreiben ist die für mich ergiebigste Art, das loszuwerden, was mir ansonsten keine Ruhe lässt und mich zumüllt, bis ich das Gefühl habe zu zerbersten. Ich habe es auch mit Fotos versucht, mit Musik, mit Alkohol und Tabletten, doch nur das Aufschreiben lässt es mich rausschreiben und meinen Kopf sauberschreiben.
Dem Medium Internet habe ich mich zugewandt, weil es niemals voll wird und nichts von mir verlangt. Ich kann hineinstecken, was und wie ich will. Das zu verstehen, wirklich zu verstehen, hat ein paar Jahre gedauert. Der richtige Weg, doch lange mit falschen Schuhen beschritten. Ich stecke heute Wertloses hinein und werde es los, und das ist für mich der Sinn dabei. Das ist großartig. Wer es am Ende liest, ist mir relativ egal. Denn mir ist es nichts wert und ich kenne auch keinen Weg, es mir wertvoll zu machen, ohne drauflegen zu müssen. Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Und wenn ich diesen Kelch abgeben könnte, würde ich es tun. Ich hasse, dass mein Kopf nur irgendwelchen Plunder anstatt Leben produziert. Das hier ist ein Weg, wie ich es übersichtlich (Dokument-Dateien stapeln mir auch nur den Computer voll) loswerde, es sieht für eine Deponie missgebildeter Kopfgeburten schick aus, und es ist einfach. Wenn also jemand darüber stolpert und für sich Brauchbares findet, sich wiedererkennt oder sonst etwas Nützliches für sich heraus zieht, dann ist das schön. Das freut mich. Doch darum geht es mir nicht und das geht mich nichts an.

Vielleicht siehst Du tatsächlich etwas, was mir entgangen ist. Das kann sein. Aber ich sehe mich nicht auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob. (Gerade hier? Nein, das funktioniert in diesem Medium ohnehin nicht.) Ich bin kein Schriftsteller, ich bin kein Künstler. Ich bin nur ein Mensch, der niemandem etwas beweisen müssen will und sich selbst nichts beweisen kann. Ich habe zuviel Angst vor Menschen, um zu versuchen, irgendwie ihre Wege zu kreuzen. Alles was ich will, ist diese eine ruhige Minute in meinem Kopf. Ich bin süchtig danach, sauber zu sein. Und das hier ist ein Weg, der mich zufrieden stellt.

hoch 21

The last frontier?

Wenn Blogs ein letzter Höhepunkt und damit auch der Abgesang auf das geschriebene und gedruckte Wort sein sollten, dann wäre Twitter the last frontier. Die letzte Herausforderung an den Buchstabenmenschen. Eine Minute Konzentration, in Echtzeit übertragen. Direkt von der Front. Nonsens ist natürlich vorprogrammiert: “Gerade mit Lona gefrühstückt. Butter ranzig”. Kann aber auch die Chance sein, mal wirklich auf den Punkt zu kommen.