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Interpretationshilfe

So, nachdem der Koalitionsvertrag nun steht, dürfte der Schinken ja jetzt auch der SPD-Basis zugänglich sein. Ob die Genossen damit klar kommen, ist allerdings fraglich. Es sei nämlich vermutet, dass diejenigen, die ihn tatsächlich lesen oder es zumindest versuchen, damit ihre liebe Mühe haben. Auch wegen seines Inhaltes, aber wohl vor allem wegen möglicher Bandwurmsätze, Fachbegriffe oder sonstiger Stilblüten. Kapiert das Einer? Na, ob dem so ist, wurde bereits von Kommunikations-Wissenschaftlern mittels einer Software untersucht. Das Ergebnis? Raten Sie mal!.

Liebe SPD’ler, nur nicht verzagen – dem Werke lässt sich auch anders zu Leibe rücken. Vorschlag zur Güte:

(1) Man picke sich eine Rosine heraus, mit Vorliebe einen langen Satz mit markigen Schlüsselwörtern und berücksichtige bei der Auswahl einen Schwerpunkt, dessen Thematik über Parteigrenzen hinweg eine bedeutende Rolle spielt. Man lese ihn aufmerksam und kehre für einen Moment in sich.

(2) Man fasse das so eben Erfahrene in möglichst knappen Worten zusammen.

Also (Beispiel):

(1) „Wir werden als eine zentrale steuerpolitische Aufgabe den Kampf gegen grenzüberschreitende Gewinnverlagerungen international operierender Unternehmen entschlossen vorantreiben, uns für umfassende Transparenz zwischen den Steuerverwaltungen einsetzen und gegen schädlichen Steuerwettbewerb vorgehen.“

(2) Ein bisschen Spaß muss sein. Auch im Koalitionsvertrag.

Wer sagt’s denn?! Geht doch!

Weitere Interpretationshilfen verschiedenster Art finden Sie übrigens hier.

„Sind Sie noch da?“

Es ist ja nun wirklich die große Frage, ob der Sinn des Lebens, das Glück dieser Erde eher in der langen und zähen Lektüre dicker Bücher, dem meditativen Moment des kontinuierlichen und bildenden Lesens oder im wilden Herumklicken, im wirren Aneinanderreihen einzelner Gedankenschnipsel aus Onlinetexten besteht, denn wie neuerdings wiederum eine Nachricht die Runde machte, wird in Deutschland, dem Lande von Stirnarbeitern wie Thomas Mann und Immanuel Kant, die ungeübten Lesern freilich zunächst sperrig und reichlich kompliziert in Satzbau und Ausdruck scheinen mögen und nach wortreichen Einschüben stets zum Wiederfinden des verlassenen Gedankenfadens auffordern, immer mehr Menschen die Diagnose der sattsam bekannten psychischen Störung „ADHS“ gestellt, einer Krankheit, die es den Betroffenen kaum ermöglicht, länger als wenige Augenblicke gedanklich im gleichen Pfad sich zu bewegen, die vielmehr ein mentales Umherspringen, ein assoziatives Sperrfeuer nicht enden wollender Aufmerksamkeitsveränderung bedeutet, der Beständigkeit, ja Beharrlichkeit ganz und gar fremd ist, und die dennoch nicht gänzlich unkritisch von den hiesigen Medien beäugt wird, heißt es doch, das Problem sei teils hausgemacht, viele Diagnosen entsprächen nur einem in gewissen Altern durchaus natürlichen Bewegungs- und Kreativitätsdrang, hier sollten gleich einer Baumschule unerwünschte Auswüchse zurechtgestutzt werden, um den Anforderungen einer Gesellschaft Rechnung zu tragen, die – hallo? Sind Sie noch da? Wofür schreibe ich das eigentlich, Sie nichtsnutzige Internetblutsauger! Da will man einmal anspruchsvollen Internetjournalismus bieten und schon treibt sich die Userschar wieder in den üblichen Netzwerken herum. Ja, ja, machen Sie nur, Sie werden ja sehen, was Sie davon haben! Sie Nulpe! Ach, Sie sind noch hier? Na dann: grüß Göttchen.

Titanic Newsticker (31.01.2013), frisch geschnipselt und geklebt.

Digitale Demenz? Immer schlimmer!

Die Aufmerksamkeitsspanne! Der Digitalnutzer! Wird immer kürzer. Sagt ein Wissenschaftler. Nein, ein Wissenschaftler! Nur noch Häppchen werden wahrgenommen. Das Kurzzeitgedächtnis: wie ausgelöscht! Ja, ausgelöscht. Nein, das Kurzzeitgedächtnis. Es werden immer nur die ersten drei Wörter eines Satzes – die ersten drei! Und danach ist alles vergessen. Ist ja auch egal. Was gibt’s sonst Neues? Ach so: Eine Studie über digitale Demenz ist da! Stimmt, find‘ ich auch langweilig. Was ist eigentlich bei Facebook los? Ich bin durstig. Oder hungrig. Ein paar Häppchen wären jetzt schön. Mhm, Häppchen. Und sonst so? Aufs Klo könnte ich auch wieder mal. Oder war ich nicht schon Montag? Nein, heute ist ja heute. Wann wohl der Peter aus der Kriegsgefangenschaft kommt?

Titanic-Newsticker, 28.08.2012