Arquivo da tag: Tod

Memento Mori

Aufgekratzt und verärgert kam meine Frau heute Abend von einem langen Besuch bei einer Cousine zurück, deren Mann vor zwei Tagen kurz nach einer Operation völlig unerwartet verstorben war. Für meine Frau und meine Schwiegermutter war dieser Besuch etwas Selbstverständliches – und das nicht nur aus familiären Gründen oder weil sie eben eingeladen wurden. Persönlich kann ich das gut nachvollziehen, das Paar ist mir selbst in guter Erinnerung; die wenigen Besuche, bei denen ich Gelegenheit hatte, die beiden kennen zu lernen, zeugten nicht nur von einer hierzulande üblichen Gastfreundschaft, sondern darüber hinaus auch von jener Entspanntheit im Umgang mit anderen, welche eher seltener anzutreffen ist.

Es begann als familiärer und freundschaftlicher Besuch, als ein Beistehen, ganz unverkrampft. Frau und Schwiegermutter “erlebten” als einzige Besucher die Witwe in allen Facetten. sie weinte, sie schimpfte und nach einiger Zeit lachte sie sogar. Trauer hat viele Gesichter.

Es endete als etwas ganz anderes und hier liegt auch der Grund für die Gereiztheit meiner Frau, so wie ich sie jetzt in Erinnerung habe, als sie zur Tür hereingekommen war, bevor sie mir obiges und folgendes erzählte:

Irgendwann, inmitten all dessen, klingelte das Telefon. Jemand erkundigte sich nach dem Befinden der Trauernden und ludt sich ein, vorbeizukommen. Bekannte, ein mit der Witwe “befreundetes” Paar. Die Betroffene, schon ein wenig dem Rotwein zugetan, gab dem Ersuchen nach.

Das Erscheinen dieser Leute muss wie ein Schnitt gewesen sein. CUT. Nichts Freundschaftliches mehr, nichts Familiäres. Von einem Moment zum anderen verwandelte deren plötzliche Gegenwart alles in ein absurdes, verkrampftes Bühnenspiel.

Das “befreundete” Paar erschien überraschenderweise mit Anhang: einem mageren Typen mit Bart und einer dicklichen Kollegin, beide “ihres Zeichens” Psychoanalytiker und beide im fortgeschrittenen Alter. Die Cousine hatte gerade eine Kerze zum Gedenken an ihren verstorbenen Gatten angezündet, als der ganze Tross durch die Tür hereinkam. Eben wegen der Kerze handelte sich die Witwe dann auch prompt einen ersten kühlen, fast zynischen Blick des graubärtigen Alten ein. Nachdem es sich das ganze Volk dann bequem gemacht hatte, fing selbiger an zu reden und hörte nicht mehr auf. Er schwadronierte über den Holocaust, irgendeinen italienischen Philosophen, Lacan und anderes. Er war nicht mehr zu halten und die Witwe hörte seinem Gelaber zu und auch wieder nicht. Sie hatte aufgehört zu weinen, zu schimpfen und zu lachen. Zuweilen, wenn der Meister es gestattete oder einfach nur Luft holen musste, nutzte sie die Lücken um ihrerseits sinnlos drauflos zu quatschen. Woran der Alte wiederum seinen stillen, perversen Spass gehabt haben dürfte.

Meiner Frau lag es auf den Lippen, ihn zurecht zu weisen. Sie wusste nur nicht wie. Sie fühlte sich wie die Gefangene in einer Blase. In der Blase eines Schwätzers. Und dann kam die Wut in ihr hoch, wie dieser selbstgefällige Pavian es wagen konnte … und mit der Wut auch die Frage, weshalb er freies Spiel hatte ..

Meine Frau und meine Schwiegermutter sind nun wirklich nicht immer einer Meinung. Am heutigen Abend waren sie es dafür aber um so mehr. Zunächst in Form eindeutiger Blicke im Wohnzimmer der Witwe und später dann in kurzen, klaren Worten auf dem Weg nach Hause.

Memento mori, du Arsch!

Perpetuum Mobile

Ursache und Wirkung als ein in sich geschlossener Kreis wiederkehrender Abläufe.

Kraft und Gegenkraft.
Geist und Materie.
These und Antithese.
Begrüßung und Abschied.
Geburt und Tod.

Und umgekehrt.

Ohne Anfang und ohne Ende.

Angst vorm Fliegen …

“Du bist ein Angshase!” dachte ich jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren von São Paulo nach Europa in einem Linienflug hockte und der Bildschirm mich darüber informierte, dass die Maschine sich nun über dem Atlantik befinden würde. Dabei bin ich eigentlich ganz gerne in der Luft uterwegs. Gut, beim Start liegt mein Adrenalinspiegel schon über dem Durchschnitt: ich drücke dann die Daumen, dass die Maschine den Hintern hochkriegt, voll besetzt und betankt. Und obwohl ein transatlantischer Linienflug zwar öde ist wegen der langen Zeit, die man in einer solchen klimatisierten Röhre verbringen muss, so ist das Ganz doch nicht unbedingt ein unangenehmes Erlebnis. Ausserdem freut man sich auf das Reiseziel, vor allem dann, wenn man Europa, Deutschland nur noch als Besucher wahrnimmt und eine Chance hat, sein Heimweh zu verarbeiten.

Trotzdem hatte ich jedes Mal ein mulmiges Gefühl über dem Atlantik, wenn das Fasten-Seatbelt-Zeichen aufleuchtete. Wer diese Route kennt, weiss, dass dort Turbulenzen so gut wie regelmässig vorkommen. Auch Witze wie: “Du bist zu alt für so was”, halfen wenig. War der Flug tagsüber, so linste ich dann besorgt nach draussen auf die zitternden Spitzen der Tragflächen. Das mag überzogen klingen, aber ich habe mich schon immer gefragt, wie es denn wohl um die Belastbarkeit der Maschine bei starken Turbulenzen bestellt sein könnte. Bei fast tausend Kilometern pro Stunde.

Nun mag das ja alles übertrieben klingen. Schliesslich ging bisher immer alles gut. Transatlantikflüge sorgen nicht für Schlagzeilen. Sie sind Routine. Will heissen: sie waren Routine. Jedenfalls bis heute.

Mein Ungemach bei Turbulenzen war also nicht ganz so kindisch, wie es scheint. Und meine Vermutung, dass sie auch die eigentliche Ursache für den Absturz des Airbus gewesen sind, mag irrational sein. Na, vielleicht war’s ja auch eine fatale Kombination aus starken Böen und elektrischer Entladung. Ich harre der Dinge, die da kommen und hoffe, dass es den Experten gelingt, die Unglücksursache zu klären. Fest steht, dass mir das Unglück auf meine Weise in den Knochen sitzt. Ich durchlebe das Gefühl, das ich in solchen Momenten hatte und weigere mich, mir auszumalen, was dann weiter passiert ist. In den letzten Minuten: Panik, Verzweiflung, lähmende Angst. Eine nächtliche Tragödie.

Über Wellen und den Tod

Die Frage ist, was ich von meinem ganzen Glauben habe, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, wenn eben genau das nicht stimmt. Dazu hat mir eines der Trostpflaster Yalom´s gut gefallen.

Ich nenne es das Wellenkonstrukt.

Es geht davon aus, dass wir nach unserem Tod, zumindest für einige Zeit, deren Dauer wiederum von niemandem im voraus einzuschätzen ist, durch die Taten, Gedanken, Gespräche u.ä.m. unseres vorherigen Lebens weiter wirken bzw. weiter wirksam sind. Wie stark wir wirken oder wo wir alles wirken können wir einfach nicht ermessen, aber ich kann es mir mittels des Bildes vom Steinwurf, der im Wasser Ringe nach sich zieht, verbildlichen und mir damit eine Vorstellung von diesem Wellenkonstrukt entwickeln.

Von “Wellenkonstrukt” zu reden, klingt meiner Meinung nach ein wenig überzogen. Ist aber trotzdem ganz lesenswert. Hier geht’s weiter:

http://kopfzwinkern.wordpress.com/2009/03/03/die-welle/

Amok und Terror

Es ist schon mehr als makaber. Da werden neue Gesetze zur Bekämpfung des Terrorismus verabschiedet, da wird die Einschränkung der Privatsphäre mit sicherheitspolitischen Argumenten vorangetrieben, da schwadronieren Politiker und Medien nicht nur rechter Couleur über ein sogenanntes steigendes Gewaltpotential bei Immigranten, beschwören eine Gefahr “von außen” durch den radikalen Islam und was passiert? In einem friedlichen süddeutschen Kaff besorgt sich ein 17jähriger eine Knarre von seinem Alten – (ob er ihn wohl so genannt hat?) – und bringt 16 Menschen um. Mir nichts, dir nichts …

Wenn das kein Terror ist, was dann?

Religiös motiviert oder nicht: es scheint ein verbindendes Element zu geben zwischen dem Amoklauf eines Einzelnen und akribisch vorbereiteten Gewaltakten, wie sie zuletzt in der indischen Stadt Mumbai vorgekommen sind. Columbine, 09/11, Erfurt und Selbstmordanschläge in Israel oder im Irak sind durch ein dünnes, aber starkes Band verlinkt.

Wer den eigenen Tod als Konsequenz seiner Handlungen in Kauf nimmt, setzt sich über die letzte mögliche Grenze hinweg: den eigenen Selbsterhaltungstrieb. Und mit deren Überschreitung werden alle Bestimmungen, Gesetze, Gebräuche, Rituale und Vorschriften unbedeutsam, also all das, was sonst – trotz seiner “Unsichtbarkeit” – unser soziales Verhalten bestimmt oder wenigstens beeinflusst.

Auf den ersten Blick hat jeder Psycho- oder Soziopath seine “Gründe”. Als Mitglied einer Gruppe von Gleichgesinnten oder als Einzelgänger. Er mag vorgeben, sich für Allah zu opfern oder sein Volk von welcher Unterdrückung auch immer befreien zu wollen, er mag vom Paradies träumen oder einfach nur von Rache. Zynisch betrachtet hat religiös motivierter, also von Gruppen organisierter Terrorismus da schon seine Vorteile: man ist nicht “so allein”, sondern kann gemeinsame Wahnvorstellungen teilen und sich gegenseitig darin bestärken. Gruppendynamik vom Feinsten. Dass bei Einzeltätern die Motive schon mal nicht ganz klar auf der Hand liegen, ist nachvollziehbar. Aber selbst bei Einzelgängern lässt sich vermuten, dass – abgesehen von “sozialen Umständen” und damit verbundenen Rachephantasien – auch hier religiöse Motive in ihrer wie auch immer perversen Ausprägung nicht selten eine gewisse Rolle spielen. Man braucht nur auf unzählige “Vorfälle” in Gods Own Country zu verweisen, um eine Ahnung davon zu haben, was gemeint sein könnte. Da dürfte der eine oder andere schwer Gestörte schon davon überzeugt gewesen sein, im Auftrag des Allmächtigen zu handeln. Ob das bei dem Irren aus Winnenden auch eine Rolle gespielt haben könnte? Gute Frage!

Obwohl es also viele Gründe gibt, wird die “letzte Grenze” aber von allen in der gleichen Weise überschritten. Wäre die Vermutung zu abwegig, dass die Überschreitung an sich der eigentliche, wirkliche Grund sein könnte? Der letzte, weil tödliche, endgültige Kick? So was wie “praktizierter Nihilismus”? Die Phantasie, für ein paar Augenblicke Gott spielen zu können?