Arquivo da tag: Zeit

Heinz Erhardt Reloaded

Täglich fließt die Timeline fort.
Von hier nach dort, zu keinem Ort.
Sie steht nie still, auch sonntags nicht
und wenn’s mal in der Birne sticht,
kann man was posten, gar verfassen.
Man kann’s aber auch bleiben lassen.

Täglich fließt der Bach durchs Tal.
Mal fließt er breit, mal fließt er schmal.
Er steht nie still, auch sonntags nicht,
und wenn mal heiß die Sonne sticht,
kann man in seine kühlen Fluten fassen.
Man kann’s aber auch bleiben lassen.
(Heinz Erhardt, “Der Bach”)

Alte Freundschaft, in einem Satz

Es gibt Momente, die muss man einfach festhalten, so wie heute, also dann, wenn ein alterndes, müdes Gewächs – genährt von guten Erinnerungen, gestört von unkrautartigen Ressentiments und geplagt von der Dürre nüchterner Schlussfolgerungen – sich, kaum beachtet, wieder in einen grazilen, lebenshungrigen Sprössling verwandelt.

Virtueller Suizid?

Ein Twitter-Account zu löschen mag in den Augen so mancher einem virtuellen Suizid gleichkommen. Vor allem dann, wenn man schon seit anderthalb Jahren dabei ist, fast täglich irgendwelchen guten, weniger guten oder – schlimmer noch – nichtssagenden Senf zu posten und sich dabei nicht nur an das Folgen und Gefolgt-Werden, sondern auch an das ganze “soziale Umfeld” gewöhnt hat, an das ganze Lesen und Gelesen-Werden, an das Links-Klicken, an das Überspringen, an das Rauf-und-Runter-Scrollen, an jenes kommunikative Dschungelcamp aus Replys und Retweets …

ES dann vorgestern zu löschen, war gerade deshalb eine klärende Erfahrung. Ein leises Bedauern schwingt selbstweetend mit, dergestalt, als verließe man etwas Reales, wobei es sich doch nur um eine illusorische Heimat handelt, einen Hafen der virtuellen Gewöhnung.

In puncto Gewöhnung mag der gute Stancer da schon Recht haben:

Twitter ist halt wie eine liebgewonnene wenn auch blöde Angewohnheit, man wird es einfach nicht los. Es gibt schlimmeres.

Natürlich gibt es Schlimmeres. Das Löschen eines Twitter-Accounts ist aber trotzdem nicht mit einem Suizid, also – nach Stancers Worten – mit dem “Sprung vor einen einfahrenden Zug” zu vergleichen, sondern eher damit, nicht weiter in ihm zu verweilen.

To get things straight:

Man kann physischen Suizid begehen, indem man vor einen Zug springt. Man kann auch sozialen Suizid begehen, indem man Dinge tut, die gesellschaftlich allgemein anerkannten Verhaltensregeln widersprechen. In beiden Fällen hat man es aber mit einem echten sozialen Umfeld zu tun, bestehend aus echten Menschen in echten Lebenssituationen, mit denen man als Handelnder, Betroffener oder Zaungast – selbst im Falle eines Selbstmordes – interagiert, lebensnah!

Soziale Netzwerke entfernen dagegen weder Leichen von den Gleisen, noch sind sie in der Lage, auf abweichendes Verhalten positiv oder negativ direkt Einfluss zu nehmen, also vor Ort! Digital getippte Wörter mögen in bestimmten Fällen bewusstseinsverändernde Wirkungen erzeugen und die Lesenden zu konkreten Aktionen veranlassen. Sie sind aber eher die Ausnahme als die Regel.

Die Regel ist ein Overflow an Information, mit welchem wir unsere konkreten Lebensumstände jedoch in keinster Weise zu lösen in der Lage sind, sondern der uns höchstens der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten und Wunschvorstellungen dient oder uns über unsere Einsamkeit hinwegtröstet, wenn wir mal wieder am Bahnhof stehen und uns, alles andere ignorierend, tippend und checkend an einem Device festhalten. Sollte in diesem Augenblick dann jemand vor einen einfahrenden Zug springen, dann nehmen wir es zur Kenntnis und posten ein Tweet in Echtzeit auf die Timeline.

Moment mal!

Der “Moment” ist eingefangen, gezähmt und zur Plakette der dauerfeuernden Imformationsabteilung “Konsum” geworden, so dass bei allen Versuchen wenigstens temporäre Zufriedenheit im Nichtstun zu erlangen, erstmal die Mauern der biersüffelnden, waschmittelschnüffelnden und bergstraßenfahrenden Verheißungen nieder gerissen werden müssen, die einem den schönen Moment der Gegenwärtigkeit vernebeln. Die Welt wird nicht kleiner, sondern schneller – wir leider auch und nicht größer. Wir werden fragmentiert, teilchenbeschleunigt, aus dem Zusammenhang gerissen und in immer neue Verpackungen gestopft, beinahe unfähig uns auszupacken und anzuhalten. Ich habe Angst davor, von der Vergangenheit in die Zukunft ohne Gegenwart leben zu müssen.

Argwohn tut Not.