Arquivo da tag: Zitate

Interpretationshilfe

So, nachdem der Koalitionsvertrag nun steht, dürfte der Schinken ja jetzt auch der SPD-Basis zugänglich sein. Ob die Genossen damit klar kommen, ist allerdings fraglich. Es sei nämlich vermutet, dass diejenigen, die ihn tatsächlich lesen oder es zumindest versuchen, damit ihre liebe Mühe haben. Auch wegen seines Inhaltes, aber wohl vor allem wegen möglicher Bandwurmsätze, Fachbegriffe oder sonstiger Stilblüten. Kapiert das Einer? Na, ob dem so ist, wurde bereits von Kommunikations-Wissenschaftlern mittels einer Software untersucht. Das Ergebnis? Raten Sie mal!.

Liebe SPD’ler, nur nicht verzagen – dem Werke lässt sich auch anders zu Leibe rücken. Vorschlag zur Güte:

(1) Man picke sich eine Rosine heraus, mit Vorliebe einen langen Satz mit markigen Schlüsselwörtern und berücksichtige bei der Auswahl einen Schwerpunkt, dessen Thematik über Parteigrenzen hinweg eine bedeutende Rolle spielt. Man lese ihn aufmerksam und kehre für einen Moment in sich.

(2) Man fasse das so eben Erfahrene in möglichst knappen Worten zusammen.

Also (Beispiel):

(1) “Wir werden als eine zentrale steuerpolitische Aufgabe den Kampf gegen grenzüberschreitende Gewinnverlagerungen international operierender Unternehmen entschlossen vorantreiben, uns für umfassende Transparenz zwischen den Steuerverwaltungen einsetzen und gegen schädlichen Steuerwettbewerb vorgehen.”

(2) Ein bisschen Spaß muss sein. Auch im Koalitionsvertrag.

Wer sagt’s denn?! Geht doch!

Weitere Interpretationshilfen verschiedenster Art finden Sie übrigens hier.

Ehrenhof-Drohne

Ja, so ist das, das eine wird einem peinlich und aufgearbeitet und das andere gilt als Tradition und muss wieder auferstehen aus gesprengten Ruinen. Gespenstisch mag das vor allem anderen Europäern erscheinen, denn Deutschland diktiert wieder Sparpläne und Ziele und ist reich genug, Schlösser zu bauen – wenn ich mich nicht irre, sogar den größten Schlosskomplex in Europa.

[…]

Diese neue Fassade in Berlin kaschiert nur jede Menge Beton, überzogene Kostenrahmen und vielleicht später auch den ein oder anderen Skandal BER’schen Ausmaßes. Es ist kein Feudalismus, der da mit keiner bürgerlichen Attitüde errichtet wird, es ist, mit Verlaub, eigenartig. Außer ein paar handelsüblichen Subventionsmissbräuchen werden wir nichts dahinter zu verbergen haben, was nicht ohnehin schon laufend öffentlich geschieht. Und den Mut, die einzige Euro Hawk Drohne in den Ehrenhof zu stellen, statt sie in Manching verrotten zu lassen, werden Sie vermutlich auch nicht haben, selbst wenn die noch weniger Sinn als die Fassade machte, und so als Entschuldigung herhalten könnte.

[…]

Immerhin, ein Solitär der deutschen Baugeschichte wird es zweifellos sein. Die Kunstgeschichte wird später natürlich rätseln, wie man das bezeichnen soll: Gesunkenes, niedergebombtes und auf niedrigem Niveau wiederaufgebautes Kulturgut vielleicht? Zweite Wilhelminische Epoche? Oder einfach nur die Architektur des Traumas?

Don Alphonso

P.S.:
Kleiner Nachtrag, von anderer Seite:
Die Verteufelung von Beton und Brutalismus ist die Kehrseite des Altbauhypes und der Berliner Schlossrekonstruktion: Man will zurück in die Zeit vor Hitler und vor Massendemokratie. Stuck als Vermeidungsstrategie.

“Sind Sie noch da?”

Es ist ja nun wirklich die große Frage, ob der Sinn des Lebens, das Glück dieser Erde eher in der langen und zähen Lektüre dicker Bücher, dem meditativen Moment des kontinuierlichen und bildenden Lesens oder im wilden Herumklicken, im wirren Aneinanderreihen einzelner Gedankenschnipsel aus Onlinetexten besteht, denn wie neuerdings wiederum eine Nachricht die Runde machte, wird in Deutschland, dem Lande von Stirnarbeitern wie Thomas Mann und Immanuel Kant, die ungeübten Lesern freilich zunächst sperrig und reichlich kompliziert in Satzbau und Ausdruck scheinen mögen und nach wortreichen Einschüben stets zum Wiederfinden des verlassenen Gedankenfadens auffordern, immer mehr Menschen die Diagnose der sattsam bekannten psychischen Störung “ADHS” gestellt, einer Krankheit, die es den Betroffenen kaum ermöglicht, länger als wenige Augenblicke gedanklich im gleichen Pfad sich zu bewegen, die vielmehr ein mentales Umherspringen, ein assoziatives Sperrfeuer nicht enden wollender Aufmerksamkeitsveränderung bedeutet, der Beständigkeit, ja Beharrlichkeit ganz und gar fremd ist, und die dennoch nicht gänzlich unkritisch von den hiesigen Medien beäugt wird, heißt es doch, das Problem sei teils hausgemacht, viele Diagnosen entsprächen nur einem in gewissen Altern durchaus natürlichen Bewegungs- und Kreativitätsdrang, hier sollten gleich einer Baumschule unerwünschte Auswüchse zurechtgestutzt werden, um den Anforderungen einer Gesellschaft Rechnung zu tragen, die – hallo? Sind Sie noch da? Wofür schreibe ich das eigentlich, Sie nichtsnutzige Internetblutsauger! Da will man einmal anspruchsvollen Internetjournalismus bieten und schon treibt sich die Userschar wieder in den üblichen Netzwerken herum. Ja, ja, machen Sie nur, Sie werden ja sehen, was Sie davon haben! Sie Nulpe! Ach, Sie sind noch hier? Na dann: grüß Göttchen.

Titanic Newsticker (31.01.2013), frisch geschnipselt und geklebt.

A Aura das Palavras

A palavra possui uma aura que consiste em sua imagem escrita,
em sua sonoridade, e nas associações que ela cria dentro de nós.
Quanto mais importante e mais usual esta palavra é,
mais intensa e marcante se torna a sua aura.
Quem a destrói, está destruindo algo dentro de nós,
está tocando nos recônditos do nosso inconsciente.

Das Wort besitzt eine Aura, die aus seinem Schriftbild,
seinem Klang und den Assoziationen besteht, die es in uns hervorruft,
und je wichtiger und gebräuchlicher ein Wort ist,
desto intensiver und prägender ist diese Aura.
Wer sie zerstört, der zerstört etwas in uns,
er tastet den Fundus unseres Unbewußten an.

Reiner Kunze, “Die Aura der Wörter”, Radius Verlag Stuttgart (2004)
Tradução: Peter Hilgeland

Heinz Stein: Illustration zu dem Gedicht "Von der Inspiration" (reiner-kunze.com)

Illustration: Heinz Stein (reiner-kunze.com)

Kleine Gärtnerweisheit

Die Geste des Pflanzens ist,
wie die Alten wussten,
wir aber vergaßen,
die Ouvertüre zur Geste des Wartens.

Vilém Flusser

Leichenrede

Wir stehen am Grab des Wortes.
Es ist nicht schön gestorben.
Es ist nicht vom Zensor erwürgt worden.
Es ist als leere Worthülse
im Brackwasser der Beliebigkeit ertrunken.

Georg Schramm

Dampf ab!

Und dann ist ihm der Kragen geplatzt: “Ich kann es nicht mehr hören. Die Scheiße. Diese ganze Scheiße. Von denen, die drauf sind. Egal auf was. Scheiß Säufer. Scheiß Pillenfresser. Was die tun. Was die reden. Das ewige Jammern. Das Instrumentalisieren. Um an Nachschub zu kommen. Natürlich. Was denn sonst. Weiter reicht der Horizont ja nicht. Auch wenn sie über Gott und die Welt quatschen. Jammern. Besser gesagt. Wegmachen. Darum gehts doch immer. Die ganze Scheiße. Die Gewalt. Die Kacke. Die Idioten. Trau keinem, der drauf ist. Und nimm nichts von dem Ernst, was er sagt. Ist eh alles gelogen. Oder Schwachsinn. Die wollen Sprit. Stoff. Darum dreht es sich. Dafür tun die alles. Idioten. Vollidioten. Nur saufen, saufen, saufen, saufen. Oder Stoff, Stoff, Stoff. Scheißegal. So ist es doch. Arschlöcher.”

Cut, so ist es.

Digitale Demenz? Immer schlimmer!

Die Aufmerksamkeitsspanne! Der Digitalnutzer! Wird immer kürzer. Sagt ein Wissenschaftler. Nein, ein Wissenschaftler! Nur noch Häppchen werden wahrgenommen. Das Kurzzeitgedächtnis: wie ausgelöscht! Ja, ausgelöscht. Nein, das Kurzzeitgedächtnis. Es werden immer nur die ersten drei Wörter eines Satzes – die ersten drei! Und danach ist alles vergessen. Ist ja auch egal. Was gibt’s sonst Neues? Ach so: Eine Studie über digitale Demenz ist da! Stimmt, find’ ich auch langweilig. Was ist eigentlich bei Facebook los? Ich bin durstig. Oder hungrig. Ein paar Häppchen wären jetzt schön. Mhm, Häppchen. Und sonst so? Aufs Klo könnte ich auch wieder mal. Oder war ich nicht schon Montag? Nein, heute ist ja heute. Wann wohl der Peter aus der Kriegsgefangenschaft kommt?

Titanic-Newsticker, 28.08.2012

(Un-)freundliche Vereinnahmung

Was die insgesamt zu beobachtende Zunahme der traditionell christlich überformten Ritualisierung angeht, könnte man mit den Schultern zucken und auf die nächsten Generationen hoffen. Das ist die optimistische Sicht der Dinge – allerdings bleibt die Sorge berechtigt, dass die neuen, alten Rituale in Wirklichkeit nur eine Angstreaktion auf eine zerbröselnde Gesellschaft sind. Schüler mit ein bisschen Kreationismus, Strafarbeiten, dem Vaterunser und naiv-delirösen Gesängen auf die Realität dieser Gesellschaft vorbereiten zu wollen – das ist in jedem Fall eine Kette peinlicher Vorfälle.

Markus Hammerschmidt über religiöse Auswüchse an einer staatlichen Grundschule.

Ziemlich breit!

“Ich wäre lieber breit aufgestellt worden”, sagte J. Gauck im “ARD-Gespräch” vor seiner ersten Kandidatur.

Da hätte ich gern zugesehen.

Deutsche Sprak schwere Sprak